16. Januar 2019

Pinien, Palmen und Piraten


Südlich vom spanischen Alicante liegt ein ruhiges Stück Mittelmeerküste

Von Jörn Boewe, junge Welt, Reisebeilage, 12.Dez. 2018


Liebstes Urlaubsland der Deutschen ist – abgesehen vom eigenen – immer noch Spanien. Meist ist »Spanien« dann aber doch nur ein Synonym für Mallorca. Wer es individueller mag, fährt ins Baskenland oder nach Andalusien. Dabei hat das Land noch eine Fülle lohnender Reiseziele, auf die man einfach nicht kommt, weil einen niemand mit der Nase drauf stößt.



Eins davon ist das Gebiet im Dreieck Alicante–Elche–Guardamar. Der südliche Teil der autonomen Gemeinschaft Valencia gehört zu diesen eher unspektakulären Weltregionen, die es im Aufmerksamkeitswettbewerb nicht auf die vorderen Plätze geschafft haben. Nichtsdestotrotz ist die Gegend eine Reise wert und gut erreichbar. Aus allen deutschen Großstädten gibt es Direktflüge nach Alicante, wenn auch nicht täglich. Die Tickets, auch die der Low Cost Carrier, sind zwar nicht so obszön billig wie die nach Palma oder Barcelona, aber doch erschwinglich. Wer ein bisschen Spaß daran hat, sich seine Unterkunft übers Internet zu suchen, für den ist die selbstorganisierte Kombination aus Flug, Mietwagen und Ferienwohnung das perfekte Arrangement.

Licht und Schatten


»Costa Blanca« bzw. »weiße Küste« ist die Verkaufsmarke, die sich Francos Tourismusmanager in den 1950ern ausgedacht haben, um den Küstenabschnitt zwischen Denia und Cartagena zu vermarkten. Böse Zungen behaupten, dass sich das Adjektiv »weiß« auf den Waschbeton der Ferienhäuser und Bettenburgen bezieht, die die Landschaft verschandeln. Legendär sind die Wolkenkratzerhotels von Benidorm nördlich von Alicante, die zum Teil noch aus den 1960ern stammen und für Nostalgiker heute schon wieder attraktiv sind. Von den zahlreichen »Urbanisationen«, die in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends bis zum großen Finanzcrash wie Pilze aus dem Boden schossen, kann man das nicht behaupten. Die gute Nachricht ist aber: Es gibt sie nicht überall. Man muss nur die richtigen Stellen kennen – wie bei den Pilzen.



Wenn Sie die Küstenstraße N-332 von Alicante Richtung Süden fahren, kommen Sie gleich hinter dem Hafenstädtchen Santa Pola in ein weites Salinengebiet. Rechts und links der Straße erstrecken sich über Kilometer immer wieder flache Salzwasserbecken voller Flamingos. Hier etwa beginnt die Gegend, in der Sie sich Ihren Stützpunkt einrichten sollten. Hier ist die Küstenlinie nahezu unbebaut. Sowohl die Salinen von Santa Pola als auch die sich unmittelbar südlich daran anschließenden »Dunes de La Marina« und »Dunes de Guardamar« sind Naturschutzgebiete. Statt Hotels und hässlicher Villen finden Sie hier 800 Hektar Pinienwald, die Bäume ließ um 1900 eine umsichtige Stadtverwaltung pflanzen.



Guardamar del Segura mit seinen knapp 15.000 Einwohnern, an der Mündung des Rio Segura, ist die südlichste Stadt, in der Katalanisch gesprochen wird. Natürlich in seiner valencianischen Variante. Zweisprachige Schilder im öffentlichen Raum sind die Regel: »­Dunes« und »Dunas«, »Playas« und »Platges«. Der Wald entlang der Küste wurde damals angelegt, weil Wanderdünen die Stadt zu begraben drohten. Dreißig Jahre lang pflanzte man Pinien, Palmen, Zypressen, Eukalyptusbäume und Agaven, unmittelbar hinter den kilometerlangen, breiten und feinen Sandstränden.


Zwar sind die Stadt und ihre Umgebung ein beliebtes Ferienziel für Leute aus dem Binnenland – vom internationalen Massentourismus sind sie jedoch verschont geblieben. In Guardamar und der unmittelbar nördlich davon liegenden Ortschaft La Marina d’Elx können Sie mit ein bisschen Glück und Geschick einen der in den 1970ern errichteten hübsch bescheidenen Strandbungalows mieten, deren Terrassen von der Brandung umspült werden. Oder Sie quartieren sich gleich daneben im Hostal Maruja ein, einem Objekt mit leicht morbidem Charme.

Vorposten im Meer

Solange Sie die Sommermonate meiden, können Sie nichts falsch machen. In der Nebensaison sind die kilometerlangen Strände fast menschenleer. Zwischen Segura-Mündung und den Salinen kann man stundenlang am Meer entlangwandern. Und wem das zu langweilig wird, der lässt sich von Santa Pola aus in einer halben Stunde mit der Fähre auf die Insel Tabarca übersetzen, einen Felsen von 1.800 mal 400 Metern, auf dem heute noch rund 70 Menschen leben. Es sind Nachfahren von Genuesen, die sich hier 1768 ansiedelten, nachdem sie Karl III. aus tunesischer Gefangenschaft freigekauft hatte. Die neuen Inselbewohner beschützten Santa Pola fortan vor Korsaren, die zuvor auf Tabarca einen Unterschlupf und Vorposten hatten.


Santa Pola selbst, mit seinen gut 30.000 Einwohnern, ist einer der bedeutenderen Fischereihäfen der spanischen Mittelmeerküste. Jeden Morgen versteigert die Cofradía de Pescadores – die Bruderschaft der Fischer – ihren Fang. Sie können hingehen, sich das ansehen und ein paar erstklassige Filets kaufen.



In den letzten Jahren haben die Fischer aber aus anderen Gründen immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Regelmäßig retten sie Flüchtlinge aus Seenot, und regelmäßig verbietet ihnen die Regierung in Madrid – im Verein mit den anderen Regierungen der EU-Mittelmeerstaaten – die »Illegalen« in Europa an Land zu bringen. So erging es jüngst der Mannschaft des Fischkutters »Nuestra Madre Loreto«, der tagelang mit zwölf schiffbrüchigen Flüchtlingen an Bord umherirrte, bis man sie endlich in Malta an Land ließ. Oder dem Fischereikapitän José Durán, der 2007 mit seinem Kutter 51 Flüchtlinge rettete und dessen Boot wochenlang in Malta festgehalten wurde, während sich Spanien, Malta und Algerien stritten, wer die Flüchtlinge aufnehmen müsse. »Wir haben einfach gemacht, was das Seerecht sagt: Einer hilft dem anderen«, sagte Durán damals. »Wenn ich einer von ihnen wäre, würde ich auch nicht wollen, dass ein Schiff vorbeifährt, ohne mir zu helfen.« Und obwohl sie Strafverfolgung und ökonomischen Ruin riskieren, haben sich die Fischer von Santa Pola bis heute nicht davon abbringen lassen, Afrikaner aus dem Meer zu retten. Was nicht zuletzt auch daran liegen mag, dass die Stadt von den Bürgern bis zur Spitze der Kommunalverwaltung hinter ihnen steht.

Seele baumeln lassen

Wenn Sie einstweilen genug vom Meer haben, machen Sie einen Abstecher ins 20 Kilometer entfernte Elche. Elx, wie es auf Valencianisch heißt, ist mit 228.000 Einwohnern eine kleinere Großstadt. Zahlreiche Gebäude im alten Zentrum stammen aus den Jahrhunderten maurischer Herrschaft. Ihre interessanteste Hinterlassenschaft aber ist der Palmenhain El Palmeral, dem sie im 10. Jahrhundert seine jetzige Form gaben. Mit mehr als 11.000 bis zu 300 Jahre alten Palmen ist er der größte Palmenwald in Europa und steht seit 2000 auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes. Der größte Teil gehört heute zum frei zugänglichen Stadtpark. Sehenswert und gegen kleines Eintrittsgeld zu besichtigen ist auch der kunstvoll angelegte Palmen- und Orchideengarten »Jardin Huerto del Cura«.

Nicht auslassen dürfen Sie einen Tagestrip nach Alicante. Die pulsierende Provinzhauptstadt mit ihren 330.000 Einwohnern besitzt einen bedeutenden Mittelmeerhafen. Und was Sie dort machen müssen, das ist Folgendes: Gehen Sie morgens zur Explanada de España mit ihren Wellen suggerierenden 6,5 Millionen Marmormosaiksteinchen auf dem Fußweg der Hafenpromenade. Setzen Sie sich vor eines der Straßencafés, bestellen Sie einen Cortado – einen mit warmer Milch gemischten Espresso –, und blinzeln Sie gen Osten über das Hafenbecken in die aufsteigende Morgensonne. Und dann sinnieren Sie mal darüber, warum die spanische Ostküste auch »Levante« genannt wird.

Tipps:

Essen: Sonntagsbrunch im La Luz im Berliner Wedding
Trinken: Lokale Weine aus der Region Alicante (D. O.): Monastrell, Moscatel, Fondillón
Lesen: Andreas Heßelmann: Der Tote unter der Explanada. Ein Alicante-Krimi; wöchentlich: Costa-Blanca-Nachrichten, www.costanachrichten.com

10. Januar 2019

Die Dinge in Ordnung bringen


Ich hab in den letzten 25 Jahren eine Menge verschiedener Sachen gemacht, die man als Journalist so macht, aber meine Lieblingsdisziplin ist immer noch, durchs Land zu fahren und Geschichten über unspektakuläre Leute zu schreiben – Arbeiter, Flüchtlinge, Hinterwäldler aller Couleur. Anders als Politiker, Künstler, Wissenschaftler oder Menschen, die irgendwas verkaufen wollen, drängeln sie sich nicht nach vorn. Im Gegenteil, sie haben ein gewisses Grundmisstrauen gegenüber »der Presse«, das nach meiner Wahrnehmung in den letzten Jahren eher größer geworden ist.

Verwunderlich ist das nicht. Seit wir das Internet und vor allem die »sozialen Medien« haben, achten Leute viel penibler auf ihre Privatsphäre. So leichtfertig wie noch vor 15 Jahren lässt sich heute niemand mehr fotografieren. Wer nicht ohnehin schon eine Person des öffentlichen Interesses ist, möchte seinen Namen lieber nicht in der Zeitung (also im Netz) wissen.

Der andere Punkt ist, dass sie Journalisten – wenn überhaupt – entweder nur als wuselnde Akkordarbeiter einer Medienindustrie wahrnehmen, die Ihnen unverständlich, aber suspekt vorkommt (womit sie intuitiv vollkommen richtig liegen) oder aber als Teil der - ihnen nicht minder suspekten - Eliten. Mit letzterem Typus kommen sie in ihrer Welt zwar nur sehr selten, wenn überhaupt, in Berührung, aber falls doch, ist es für sie selbstverständlich, dass zwischen ihnen und diesen »Alpha-Journalisten« eine unüberbrückbare Kluft liegt, die sich in den letzten Jahren rasant verbreitert hat.

Das Verrückte ist, dass die meisten dieser Leute, über die ich in den letzten 25 Jahren geschrieben habe, wenn sie meine Zeilen dann gelesen haben, mit einer für mich immer wieder überwältigenden und anrührenden Dankbarkeit reagiert haben (jedenfalls wenn ich mir keine groben Fehler in meinem Job erlaubt und keinen Unfug über sie geschrieben habe).




Der Grund ist vermutlich, dass die bloße Tatsache, dass jemand über sie schreibt, für sie buchstäblich etwas »Unmöglich-Reales« darstellt. Ich rede nicht von der naiven Begeisterung von Schulkindern, die sich freuen, wenn sich ein Reporter der Lokalzeitung über ihr Sportfest berichtet (»sogar die Presse war da«). Es scheint mir mehr als das, es ist eher, dass ihr Handeln, ihre Gedanken und Gefühle, ja ihre Existenz, dadurch dass sie Teil einer Erzählung werden, eine Bedeutung erhalten, die vorher nicht da war. Und das ist wirklich umwerfend, denn die Frage, wie bedeutend oder unbedeutend das Leben all dieser Leute ist, hat nicht das Geringste mit mir zu tun und sicher nicht mit einer auf billigem Papier gedruckten Zeitung, in die morgen geräucherter Fisch eingewickelt wird. Und doch gibt es zweifellos diese Magie des geschriebenen Wortes, einer Story, eines Handlungskerns, die ein paar Dinge im chaotischen Universum ins richtige Licht rückt und in eine sinnvolle Ordnung bringt - oder sagen wir: Es ist eher so, dass der Job des Reporter darin besteht, diesen Sinn auszugraben, wie der Paläontologe ein Fossil freilegt. Manchmal braucht man einen Bagger, manchmal einen feinen Pinsel und manchmal Dynamit.

Mir gehen an dieser Stelle die Zeilen meines Kollegen Barista Uno aus Manila nicht aus dem Kopf, Worte, die so geschliffen kantig und klar sind, dass ich wünschte, ich hätte sie geschrieben: »Man schreibt weiter in der Hoffnung, dass die Leser beginnen, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen. Es ist, als würde man ein Fenster für andere öffnen. Die Alternative ist, mit dem Schreiben aufzuhören, das Fenster zu schließen und in einem dunklen Raum zu resignieren.«

13. Dezember 2017

Ab durch die Arktis

Mit Nordlicht und Tarifvertrag: Eine Alternative zu den Schrecken der Kreuzfahrtindustrie


Von Jörn Boewe, aus: Alternatives Reisen, Beilage der jW vom 13.12.2017

Eine Schiffsreise kann eine ausgesprochen inspirierende Angelegenheit sein. Jedenfalls ist das die Wunschvorstellung salzwasseraffiner Landratten. Ein Grund, warum der Markt für Kreuzschiffahrten seit Jahren boomt. Das Problem: Kreuzfahrtschiffe sind das genaue Gegenteil von inspirierend, wie jeder, der so etwas bereits mitgemacht hat, wenigstens insgeheim bestätigen wird. Oder man hätte es wissen müssen, wenn man jemals auch nur eine einzige Folge der ZDF-Serie »Das Traumschiff« gesehen hat. Wer dennoch mit dem Gedanken spielt, sollte vor der Buchung unbedingt David Foster Wallace’ Reportage »Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich« lesen.


Exzessive Gute-Laune-Animation und umkämpfte Mega-all-inclusive-Buffets sind nicht die einzigen Probleme. Ein Kreuzfahrtschiff mit zwei-, dreitausend Passagieren verbraucht Ressourcen wie eine Kleinstadt, produziert Abgase wie fünf Millionen Autos, gehört de jure einer Offshore-Briefkastenfirma und de facto einem milliardenschweren Finanzkonzern und wird von schlecht bezahlten, überausgebeuteten Arbeitskräften am Laufen gehalten.

Das alles ging mir durch den Kopf, als mich meine Mutter im Frühjahr fragte, ob ich mit ihr auf eine Schiffsreise durch die norwegischen Fjorde gehen würde. Meine Mutter geht auf die 80 zu. Ich wusste, dass sie diese Reise eigentlich mit meinem Vater hatte machen wollen, der vor zwei Jahren starb. Kurzum, ich konnte ihr das schlecht abschlagen, also sagte ich: »Mutti, auf so einen Billigflaggendampfer setz’ ich keinen Fuß, es sei denn, ein Inspektor der Internationalen Transportarbeiterföderation und ein Trupp Hafenarbeiter sind dabei. Aber ich überleg mir was.« Ja, aber was?

Von Fjord zu Fjord

Nun, es gibt eine sympathische Alternative zu den Abgründen der Kreuzfahrtindustrie – ökologisch akzeptabel und sozial geradezu vorbildlich organisiert. Seit 1893 verbindet die norwegische Postschifflinie Hurtigruten die Orte der 2.700 Kilometer langen Westküste des Landes – von Bergen, das ungefähr auf der geografischen Breite von Oslo und Stockholm liegt, bis nach Kirkenes kurz vor Murmansk.


Bis in die 1970er Jahre war die Postschifflinie für etliche Gemeinden die einzige Verkehrsanbindung an den Rest des Landes – so zerklüftet und unwegsam ist die Region. Straßenbau ist hier unglaublich teuer, weil es ohne Tunnel und Brücken nicht geht, und wurde in nennenswertem Umfang erst möglich, nachdem die Norweger 1969 auf Öl stießen und über Nacht entdeckten, dass sie reich waren.


Der Postverkehr wurde Mitte der 80er eingestellt, und die Hurtigruten wurden touristischer. Inzwischen sind rund zwei Drittel ihrer jährlich 450.000 Fahrgäste Rundreisepassagiere. Der Rest nutzt die Linie wie eine normale Fähre – von einem Fjord zur nächsten Insel, auch Fracht und Autos werden befördert.


Der einstige Geheimtip wird heute ohne falsche Bescheidenheit als »schönste Seereise der Welt« vermarktet. Ausgangspunkt Bergen wird von vielen deutschen Flughäfen direkt bedient. Fünfeinhalb Tage braucht das Schiff bis Kirkenes, das etwa 400 Kilometer nördlich des Polarkreises und zehn Kilometer vor der russischen Grenze liegt. 33 Häfen werden angefahren, also etwa fünf am Tag.

Runter vom Kahn

Statt Partyanimation bietet die Hurtigruten Naturerlebnisse. Ein »Expeditionsteam« lädt jeden Tag zu Ausflügen ein – die allerdings extra bezahlt werden müssen und recht teuer sind. Man kann aber auch auf eigene Faust Wander- und Klettertouren auf den Granitfelsen längs der Fjorde unternehmen. Auch für Spaziergänge durch Trondheim, Tromsö und Hammerfest braucht man keinen Fremdenführer.


Ansonsten kann man auf Deck abhängen und eine Landschaft an sich vorbei ziehen lassen, die so unglaublich bizarr und zugleich erhaben ist, dass man sofort versteht, warum ein avantgardistischer Planetenbaumeister in Douglas Adams’ Roman »Per Anhalter durch die Galaxis« dafür einen Designerpreis bekommt.


Bleibt die Frage, wann man am besten reist. Hochsaison ist von Ende Mai bis August. Offenbar zieht die Mitternachtssonne Einwohner der mittleren Breiten magisch an. Entsprechend steigen die Ticketpreise. Wer hart im Nehmen ist und beste Sicht aufs Polarlicht sucht, kann über eine Reise im Winter nachdenken. Allerdings liegt die Hälfte der Strecke nördlich des Polarkreises, wo es von Dezember bis März auch tagsüber nicht mehr sehr hell wird.


Der arktische Frühling im April, Mai ist mit Sicherheit eine gute Wahl. Aber wahrscheinlich kann man keine bessere Reisezeit finden als Ende September. Die Luft ist schon kalt, aber die Sonne hat noch Kraft. Die Touristenarmeen sind abgezogen. Oktoberstürme und Polarnacht stehen erst noch bevor.



25. September 2017

13. April 2017

Die Ratlosigkeit des Reporters

Es ist ein Weilchen her, dass ich gespannt auf eine Ausgabe des Spiegel gewartet habe, aber nach der Ankündigung einer Reportage von Alexander Osang über Frauke Petry in der letzten Woche war ich neugierig.


Osang ist mir schon in den 90ern als genauer Beobachter und erstklassiger Erzähler aufgefallen, und er hat eine gewisse Skepsis den eigenen Vorurteilen gegenüber. Ich würde sagen, er hat davon – Skepsis, nicht Vorurteile – mehr als die meisten Journalisten, jedenfalls in dieser Republik. Wahrscheinlich ist es nicht ganz einfach, sich das zu erhalten, wenn's einen dauerhaft in die upper middle class verschlagen hat. Lauter aufgeklärte, fortschrittlich denkende Leute, die »bewusst leben«, überdimensionierte, aber schadstoffarme Autos fahren und das eigene Weltbild nicht für Ideologie, sondern die größte Selbstverständlichkeit des Universums halten.

Meine Welt ist das nicht, aber wenn sie's wär, würde ich wahrscheinlich auch nicht freiwillig weggehen. Wohin auch? Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber ich habe das Gefühl, Osang spürt, wie brüchig und hohl das alles ist. Obwohl er in der bürgerlichen Mitte, also der besten der Welten, lebt, traut er dem Frieden irgendwie nicht. Vielleicht ist es das, was ich an Osang am meisten mag.

Ich hab die Spiegel-Geschichte über Frauke Petry dann gelesen und zum Schluss hin nur noch überflogen. Wahrscheinlich ist das keins von Osangs stärksten Porträts. Er kommt ihr doch nicht so nahe, wie er das am Anfang befürchtet und wie ihm das bei vielen anderen Leuten, ob er sie nun mochte oder nicht, in den letzten Jahrzehnten gelungen ist. Frauke Petry bleibt merkwürdig umrisshaft.

Aber es gibt an diesem Text etwas unerhört Starkes, und das ist paradoxerweise der offene Umgang des Autors mit seiner eigenen Ratlosigkeit. Die Irritation über die Diskrepanz zwischen Petrys im Großen und Ganzen sympathischen Auftreten und der, nun ja, autoritären, auf Angst und Hass aufbauenden Politik, die sie strategisch kühl und klug verfolgt.




Stefan Niggemeier, zweifellos einer der klügsten Medienkritiker des Landes, moniert in seinem Blog uebermedien.de, der Artikel handele »an vielen Stellen gar nicht von Frauke Petry, sondern von Alexander Osang«. Das mag schon sein, aber Osang ist kein Selbstdarsteller, sondern ein Mensch, der durch den »Wald der Dinge« geht, und sich wundert. Und das ist offensichtlich etwas, mit dem manche Leute, auch intelligente, warum auch immer, nichts anfangen können. Na gut. Für mich ist es ganz und gar kein Fehler, dass der Reporter seine eigene, subjektive Irritation thematisiert. Die gehört nun mal zur Situation, und ist deshalb eben nicht nur subjektiv, sondern zugleich auch Teil der objektiven Realität. Ich verstehe sofort, was er meint. Versteht Ihr, was ich meine, geschätztes Fachpublikum? Eben. Es ist nicht so banal, wie es klingt.

2. April 2017

one day

»One day I will find the right words, and they will be simple.«

Jack Kerouac, The Dharma Bums

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