18. April 1995

Die Offensive. Chiapas, Weihnachten 1994

"Und Sie können mir glauben, Gales, ich lebe schon lange genug unter diesen Eingeborenen, ein Menschenalter wird es jetzt schon sein, und ich habe Dinge gesehen.... kein amerikanischer und auch kein bolschewistischer Universitätsprofessor könnte die erklären ..." B.. Traven, die Brücke im Dschungel (1927)

  Ich fuhr das letzte Mal durch Chiapas kurz vor Weihnachten, als die zapatistischen Rebellen gerade in die Offensive gingen. Der Belagerungsring ist perfekt, hatte der Verteidigungsminister noch ein paar Tage zuvor erklärt. Dasselbe dachte mein Freund Castañeda, der in den 70ern die Guerrilla des Movimiento Acción Revolucionaria mitgegründet hatte. Ich sah das genauso, nachdem ich - bewaffnet mit dem Hunter-Doppelglas von Carl-Zeiss-Jena und meinem alten NVA-"Handbuch des militärischen Grundwissens" die Infanteriestellungen der federales hinter Las Margaritas besichtigt hatte.



Josefina, in deren cocina popular, Volksküche, ich immer frühstückte, wenn ich in San Cristóbal war, ließ sich von soviel geballter Kriegerkompetenz nicht beeindrucken. "El indígena camina muy rápido y sabe muchos caminos - der Indio läuft schnell und kennt viele Wege", beharrte sie unerschütterlich, während ich, über die Landkarte gebeugt, mich vergeblich bemühte, ihr die - gelinde gesagt: deprimierende - taktische Lage zu erläutern. Im Morgengrauen hatten um die tausend Zapatistas den Militärcordon durchbrochen und in 38 der 110 chiapanekischen municipios, Landkreise, Positionen bezogen. Das ist Selbstmord, dachte ich. 50.000 Soldaten hatte die Generalität in Chiapas stationiert, und an jeder Straßenecke hatten sich 20 Mann mit einem schweren MG eingegraben. Das Verblüffendste an diesem jüngsten Coup der Zapatistas aber war, daß dabei kein einziger Schuss gefallen war. Ich steckte das blöde NVA-Buch und den zerlesenen "Partisanenkrieg" von Guevara resigniert in den Rucksack und stiefelte zum Hauptquartier der "Rebellionsregierung". Es gab noch verdammt viel zu lernen. "Aneignung des Produktionsprozesses" Offensichtlich war es ein Fehler, den chiapanekischen Konflikt allzusehr durch die militärische Optik zu betrachten. Die Guerrillabewegung der Zapatisten ist ein Element eines komplexeren gesellschaftlichen Prozesses. Ein anderes Schlüsselelement sind die autonomen Produzentenassoziationen des "Rates der Campesino- und Indígenaorganisationen" (CEOIC). Die indianischen wie die mestizischen Kleinbauern wurden von den Auswirkungen der neoliberalen Wirtschaftspolitik extrem hart getroffen. 1992 hatte die Regierung Salinas den Artikel 27 der Verfassung geändert, der das traditionelle Gemeindeland der Dorfgemeinschaften, die ejidos, staatlich geschützt hatte. Jetzt wurden die bisherigen Nutzungsrechte in Eigentumstitel umgewandelt, womit das Land käuflich und verkäuflich wurde. Bei der hohen Verschuldung der meisten Dorfgemeinschaften bedeutete das oft nichts anderes als einen Zwangsverkauf ihrer Subsistenzgrundlagen. In der Strategie der Regierung Salinas war die Auflösung der ejidos eine Voraussetzung für die Schaffung einer modernen exportorientierten technologieintensiven Großflächenlandwirtschaft. Und in Chiapas wurde sie "von den Großgrundbesitzern als grünes Licht aufgefaßt, ihre seit jeher gängigen Praktiken noch zu verschärfen: Weisse Garden,Vertreibung von Campesinos von besetzten Ländereien, offene und direkte Repression." (1) Es gab in dieser Situation verschiedene Versuche, den Campesino- und Indígenawiderstand zu organisieren. Die bedeutendste Organisation für die Region der Altos und der Selva Lacandona war vermutlich die in den 80ern entstandene Asocíación Rural de Interés Colectivo, ARIC-Unión de uniones. Diese Organisation erreichte bedeutende Erfolge bei der Legalisierung von Landnahmen durch die Campesinos und in Verhandlungen mit der Regierung über die Bereitstellung von staatlichen Resourcen für die Produzenten der Region. Ähnliche unabhängige OrganIsationen formierten sich in den 80ern auch in anderen Teilen Chiapas' und in anderen mexikanischen Bundesstaaten. In diesen Formierungsprozeß, der durch die Krise der PRIistischen Bauernzentrale mög1ich geworden war, flossen verschiedenste Selbstverwaltungs- und Räte-Ideen ein. Eine der zentralen Achsen die sich in diesem Jahrzehnt in diesen Bewegungen herauskristallisierte, war die "Aneignung des Produktionsprozesses": der Aufbau miteinander vemetzter Produktions-, Handels- und Kosumgenossenschaften, die ihre internen Angelegenheiten autonom regelten. Innerhalb des Rahmens der neoliberalen Modernisierung war diese Bewegung selbstverständlich nur in sehr beschranktem Rahmen in der Lage, diesen ihren eigenen Ansprüchen zu genügen. Ständig an der Grenze des ökonomischen Zusammenbruchs, waren interne Demokratie und politische Autonomie gegenüber dem Staat nicht in jedem Falle aufrechtzuerhalten. Vor allem aber waren diese Organisationen doch partikulare, eher defensive Bewegungen. Sie waren in der Lage, den Vormarsch des neoliberalen Projekts im Agrarsektor zeitweise, teilweise zu verlangsamen und regional die schlimmsten sozialen Folgen abzuschwächen. Sie waren sogar in der Lage , "an den Rändern" des Systems bedeutende selbstverwaltete soziale Räume zu schaffen. Eine politische Alternative ergab sich daraus jedoch noch nicht. Mit dem Aufstand vom Januar 1994 gab der Zapatismus der Campesinobewegung einen ungeheuren politischen  Impuls. Was nach dem bewaffneten Konflikt einsetzte, war der Beginn einer sozialen Revolution. Das zentrale politische Projekt der EZLN war kein "verlängerter Volkskrieg" und auch keine "Verhandlungslösung". Es war und ist der Versuch, die sectores populares, die durch das Machtmonopol der Staatspartei von jeder eigenständigen politischen Partizipation ausgeschlossen sind, zu ermuntern, ein gemeinsames gesellschaftliches Projekt zu formulieren. Dieser Versuch wurde als "Demokratische Nationalkonvention" (CND) bekannt, die im August 94 im zapatistischen Gebiet mit 6.000 DeIegierten verschiedenster sozialer und politischer Bewegungen gegründet wurde. Bloque popular Diese Idee, die von einigen "Ultras" als zu zaghaft, ja opportunistisch, attackiert wurde, entsprach nicht nur der zapatistischen Ablehnung kruder "marxistisch-leninistischer" Avantgardekonzepte. Sie entsprach vor allem der mexikanischen Realität. Das System der Staatspartei hatte durch sein jahrzehntelang praktiziertes System von Sektoralisierung - Inkorporation - Interessenausgleich und selektiver Repression vor allem eines erfolgreich verhindert: Die Herausbildung eines revolutionären Subjekts. In den verschiedenen vulgärmarxistischen Interpretationen die in Mexiko immer noch genauso wie in allen anderen Ecken der Welt Verwirrung stiften, ist "die Arbeiterklasse" oder "das Volk" a priori ein solches Subjekt, das im Wesentlichen nur noch einer mit dem korrekten Programm ausgestatteten Führung bedarf, um die Revolution in Gang zu setzen. Unserer Ansicht nach - und dies ist offensichtlich auch die Meinung unserer zapatistischen Genossinnen und Genossen - ist dieses Konzept nicht nur autoritär, sondern auch schlichtweg falsch. Das revolutionäre Subjekt ist nichts, was a priori existiert, sondern eine geschichtliche Möglichkeit. "Das Subjekt kann sein. Und damit es sein kann, muß es eine Machtoption repräsentieren. Der aufstrebende soziale Block der Unterdrückten und Ausgebeuteten wird zu einem Subjekt, nur wenn er die Hegemonie in der Gesellschaft gewinnt. Solange dies nicht geschieht, können wir lediglich von einem Projekt des geschichtlichen Subjekts sprechen." (2) Die Idee der CND war genau der Versuch, die Formierung eines solchen bloque popular voranzubringen. Nicht nur unter den Campesinos und Indígenas, unter den städtischen Unterschichten und an den Universitäten, auch bei den Industriearbeitern hatten sich seit 1968 in verschiedenen Zyklen, mit Rückschlägen und unterschiedlichen Rhythmen unabhängige radikale Tendenzen gebildet. Natürlich war diese Entwicklung alles andere als linear, einige dieser Bewegungen erschöpften sich schlichtweg, andere wurden brutal ausgelöscht (wie die Guerrillagruppen der 60er und 70er), nicht wenige integriert und wieder anderen wurde durch soziologische Veränderungen, die die neoliberale Wirtschaftspolitik mit sich brachte, der Boden unter den Füßen weggezogen. "Volksmacht von unten aufbauen" "Infolge der Krise organisieren sich die angreifenden Truppen keineswegs sofort in Zeit und Raum, und sind auch nicht von Kampfgeist erfüllt. Andererseits werden die Angegriffenen nicht demoralisiert und verlassen auch nicht die Verteidigungslinie, selbst wenn sie in Trümmern liegt, und sie verlieren keineswegs das Vertrauen in die eigene Kraft und in die eigene Zukunft." (3) Wahrscheinlich war das Projekt der CND die beste Idee, die man in der Situation überhaupt haben konnte. Leider funktionierte sie nicht so wie sie sollte. Mit der CND überwanden eine Reihe sozialer Bewegungen ihre vorherige Zersplitterung. Aber ein wirklicher gesellschaftlicher Block, der eine Alternative zur herrschenden Partei dargestellt hätte, entwickelte sich daraus nicht. Die PRI konnte in den Präsidentschaftswahlen im August'94 die politische Initiative wieder an sich reißen. Die EZLN war erneut auf Chiapas zurückgeworfen. Doch während auf der zentralen Ebene - wenigstens vorläufig - das ancien régime wieder halbwegs fest im Sattel saß, entfaltete sich im südlichsten Bundesstaat im rasanten Tempo eine vorrevolutionäre Situation. Kurz nach dem Aufstand im Januar hatte die Regierung versucht, ein politisches Gegengewicht zur EZLN zu schaffen - den CEOIC. Sowohl die PRIistischen als auch die unabhängigen radikalen Campesinoorganisationen beteiligten sich daran. Schon nach kurzer Zeit hatten die Radikalen die Mehrheit - der CEOIC wurde faktisch zapatistisch. Nachdem der von ihnen unterstützte linke Kandidat Amado Avendaño bei den Gouverneurswahlen im August offenbar durch einen massiven Betrug der PRI ausgebootet worden war, gingen die Campesinos in die Offensive. Eine Welle von Land- , Straßen- und Rathausbesetzungen rollte über den Staat. Im Oktober erklärte der CEOIC die Autonomie der indigenen Völker von Chiapas und beschloß ein revolutionäres Aktionsprogramm: "Die Volksmacht von unten aufbauen, indem man sich in den ejidos, Gemeinden, Stadtteilen, municipios, Schulen, Arbeitsplätzen organisiert und Volksversammlungen realisiert, in denen sich das Projekt des Staates und Landes, das wir wollen, entscheiden wird." (4) Es bildeten sich zwei autonome Regionen, in denen die radikalen Volksorganisationen faktisch die Macht übernahmen. Nicht zufällig geschah dies zuerst dort, wo die soziale Organisation am stärksten war: in den Indígenagemeinschaften. Damit gab es Ende Oktober drei "Räte-Gebiete" in Chiapas. Anfang Dezember bildeten Delegierte aus den autonomen Gebieten, der CEOIC und einige andere radikale Kräfte eine "Übergangsregierung in Rebellion" mit Avendaño an der Spitze. Die EZLN-Offensive vom Dezember die mir soviel Kopfzerbrechen beschert hatte, wird vor diesem Hintergrund durchaus verständlicher. Vielmehr als um eine militärische Operation handelte es sich um das politische Signal für einen verallgemeinerten Volksaufstand. Mit dem Einmarsch der Armee in die zapatistische Zone und die autonomen Gebiete im Februar ist dieser Prozeß gestoppt worden, aber weder die EZLN noch die CEOIC-Organisationen sind zerschlagen und es dürfte nicht einfach für das Regime sein, das zu tun. Es ist aber nicht abzusehen, wie der Aufstand ohne eine blutige Restauration definitiv beendet werden könnte. Was bleibt ist eine "verlängerte vorrevolutionäre Situation", ein Berg praktischer Probleme und - wenn wir uns diesen Luxus leisten dürfen - theoretischer Fragen. "Meinst du wirklich, Ihr könnt eine Revolution in Chiapas machen, wo doch im Rest des Landes die Lage ziemlich stabil ist?" fragte ich einen compañero vom CEOIC. "Hast du", fragte er zurück,"eine bessere Idee?"