20. Oktober 2011

Das Detlev-Buck-Bataillon und andere Maulhelden


Von Kratzeburg nach Fürstenberg: Mit dem Kajak durch die Havelquellseen, Juni 2011




 

 I

Ich habe ein Boot, das in einen Rucksack paßt. Kein Witz. Über verschlungene Wege kam es im Frühsommer vergangenen Jahres zu mir. Nachdem ich es im Juni 2010 auf den Tegeler Gewässern getestet hatte, beschloß ich, bei nächster Gelegenheit zu einer mehrtägigen Expedition aufzubrechen.
Ich mußte ein Jahr auf die Gelegenheit warten. Ich hatte es mir einfacher vorgestellt: Im Winter, als die Abende lang waren, träumte ich von einer Tagestour auf dem Tegeler Fließ. Sobald im März das Eis aufbrechen würde, aber noch ehe das Befahrungsverbot zum Frühjahrsbeginn in Kraft trat, würde ich mit meinem Boot früh in den ersten Bus nach Lübars steigen, und dann durch die nebelverhangenen Wiesen an Wildschweinen und Rehen vorbei zum Tegeler See paddeln.

Die Sache ließ sich nicht realisieren. Ich hatte übersehen, daß das Tegeler Fließ bereits seit 2009 ganzjährig auch für Paddelboote gesperrt war, und das Frühjahr hindurch erlaubte mir die Arbeit nicht, mich für eine mehrtägige Tour abzuseilen.

Anfang Juni, kurz vor Pfingsten war es dann aber soweit. Ich hatte alles eingepackt und hoffentlich nichts vergessen. Bis auf das zusammensteckbare Doppelpaddel hatte ich alles in und an meinem 17 Jahre alten Karrimor-Rucksack verstaut. Ich fuhr mit der Regionalbahn über Neustrelitz nach Kratzeburg, der nördlichsten Einsetzstelle am Oberlauf der Havel.



Keine Menschenseele außer mir stieg an diesem von Gott und DB Station&Service verlassenen Haltepunkt aus. Die ganze Zeit verfolgte mich ein Alptraum: An der Einsetzstelle am Käbelicksee hatte sich eine Armada von Berufspaddlern breitgemacht, mit Hi-tech-Faltbooten in allen Neonfarben, im kumulierten Wert von etlichen zehntausend Euro. Oder eine Zusammenrottung lokaler Neonazis und Diskoschläger. Aber tatsächlich war da nichts von alldem.  Ich hatte das Nordufer des Käbelicksees ganz für mich allein.

Der Semperit-Zander ist ein ein- bis zweisitziges Schlauchkajak aus Hypalon, dem Material, aus dem Rettungsinseln für den Hochseeeinsatz gefertigt werden. 3,40 Meter lang, 0,75 Meter breit, Nutzlast 170 Kilo, Packmaß 55 x 30 x 15 cm. Es wurde - nach meinen bisherigen Recherchen - bis spätestens Mitte der 80er Jahre in Österreich produziert. Die Bootssparte der Semperit AG wurde, als der Konzern in die Krise geriet, von Grabner übernommen, die Reifenproduktion ging an Continental. Von einem in den 80ern aus PVC gefertigten Boot unterscheidet sich der Semperit-Zander allein dadurch, daß er überhaupt noch existiert.

Mit seinen zwölf Kilogramm kann man das Boot zwar nicht auf längeren Fußmärschen, problemlos aber in öffentlichen Verkehrsmitteln mitführen, was einen bei der Tourenplanung äußerst flexibel macht. Mit einer Doppelhubpumpe kann man es in nur zehn Minuten aufbauen. Seine drei Luftkammern machen es praktisch unsinkbar. Es war so gegen zehn Uhr vormittags, als ich alles startklar hatte.



Dann machte mir der Wind Sorgen.  Er blies mit Stärke vier bis fünf aus Nordwest, und auf meiner Pharus-Gewässerkarte Nr. 7 (Mecklenburgische Kleinseen und Müritz) hieß es genau und nur an dieser Stelle: »Vorsicht vor Westwinden!« Also verschnürte ich mein wasserdicht verpacktes Gepäck, als würde ich mich auf eine Eskimorolle vorbereiten. Dann legte ich ab.

Ich hielt Richtung Südwest, so daß ich die Wellen schräg von steuerbord nahm. Ich kam gut voran. Das beladene Boot lief besser als ich erwartet hatte, aber es kippelte und schaukelte nicht schlecht, und ich nahm eine Menge Spritzwasser auf. Ich hatte mir vorher keine Gedanken gemacht, warum der Käbelicksee Käbelicksee hieß, doch jetzt war es mir auf einen Schlag klar: käbbelig, kabbelig, kippelig.

Ich kämpfte fast eine Stunde mit Wind und Wellen, dann erreichte ich glücklich die Landzunge am Südende des Sees. Dahinter wurde es ruhiger. Fische sprangen, drei Wildgänse zogen, Rehe grasten am Ufer und ein Kranichpaar flog vorbei. Dann hatte ich die Einfahrt ins Havelfließ erreicht.

Die Havel ist hier noch schmal, gerade ein paar Meter breit und so flach, daß man darin waten kann (ein weiterer Vorzug des Semperit-Zander ist sein geringer Tiefgang). Ich fuhr hinein, aber schon nach 50 Metern sah es aus, als gäbe es kein Durchkommen mehr: Ein Baum war umgestürzt und hatte sich quer über den Fluß gelegt. Ich verfluchte die Biber (die an diesem Fall aber ganz unschuldig waren) und entdeckte eine schmale Durchfahrt, an die ich mich langsam, rückwärts und immer auf spitze Äste unter Wasser achtend, herantastete.



So passierte ich das Nadelöhr. Die nächsten Kilometer waren völlig unproblematisch, und ich ertappte mich dabei, Selbstgespräche zu führen. Teichrosen, Seerosen, Auwälder, Kuhweiden, weit und breit kein Auto, kein Motorboot, nicht mal ein Paddler wie ich, kein Mensch.
Am Granziner See legte ich eine Pause am »Töpferhof« ein. Die Wirtin bat mich, ihr eine Farbsprühdose zu öffnen, man brauchte dazu einen Schraubenzieher, den sie nicht hatte, aber ich hatte einen an meinem Taschenmesser. Dann fuhr ich weiter zum kleinen Schulzensee, weiter durchs Fließ bis zu einer Stelle, wo man das Boot auf eine Lorenbahn laden und 750 Meter durch den Wald schieben muß. Die Loren fassen je vier Boote und sind entsprechend schwer, die Schienen sind holprig, und verbogen, aber es geht überwiegend bergab, und man sollte nicht aufspringen, sondern besser bremsen und auf seine Zehen achten.



Am andren Ende der Bahn liegt der Pagelsee. Er ist schmal, lang und gebogen, man unterfährt eine alte Holzbrücke, die ihn überspannt - eine Brücke über einen See! Dann geht es im Fließ weiter zum Zotzensee, ein fast runder, kabbeliger, den man nur entlang der grünen Betonnung befahren darf. Bei starkem Wind würde ich davon aber Abstand nehmen und mich ans Westufer halten.

Nach einem weiteren Kilometer kommt man zum Fischer in Babke. Man kann es nicht verpassen, denn auch hier muß man das Boot aus dem Wasser nehmen und auf einen, hier nur für je ein einziges Boot konstruierten Lorenwagen hieven und, auch das eine Nummer kleiner, 50 Meter über Land zur nächsten Einsetzstelle schieben. Ich traf eine nette Familie, die mit einem Kanu vom Campingplatz »Am Hexenwäldchen« hergekommen waren und am Bootssteg mit Stock, Schnur, Haken und Brotteig angelten. Der Junge war ungefähr so alt wie meiner und fing tatsächlich - vor meinen Augen - eine kleine Rotfeder. »Die kannste gleich so essen«, empfahl ich begeistert, denn sie sah wirklich sehr appetitlich aus, wie sie da silbrig in der Nachmittagsonne glitzerte.

Ich ließ mir den Weg zum Zeltplatz erklären und fuhr weiter. Es ging noch 1,5 Kilometer weiter durchs Fließ, dann über den nicht ganz so kabbeligen Jäthensee und dann noch ein kleines Stück, höchstens 300 Meter ins Fließ, bis, versteckt im Schilf, rechts ein schmaler Graben abzweigt, der zum kleinen Jamelsee führt. An dessen Ende liegt der ausgesprochen schöne und verständig geführte Campingplatz »Am Hexenwäldchen«.

Ich zog mein Boot auf den Strand. In einem kleinen Krimskramladen checkte ich ein. "Wollen Sie Brötchen für morgen früh bestellen?" fragte die junge Frau hinterm Tresen.
"Gut", sagte ich und füllte mein Meldeformular aus. "Wie ist das, wenn ich mal spät komme, und Sie sind überfüllt - schicken Sie mich dann wieder weg?"
"Alleinwanderer und Familien nehmen wir immer auf", sagte sie. "Aber es gibt Gruppen, die passen einfach nicht hierher. Die kommen hier schon besoffen an. Die hören Sie schon, wenn sie noch kilometerweit auf dem Wasser sind. Die Sorte schicken wir weiter, egal wie voll oder leer der Platz ist. Wollen Sie Duschmarken? Einmal Duschen 50 Cent."



"Geben Sie mir zwei", sagte ich.
"Wenn Sie eine übrig haben, geben Sie die morgen zurück, wir verrechnen das."
Ich steckte den Ausweis ein, packte meine bescheidenen Einkäufe und ging nach draußen. In der Tür blieb ich stehen. Ein paar Hühner scharrten im Sand zwischen Kajaks und Zelten. "Ist schön hier", sagte ich in Richtung Laden.




II

Die Tourismushölle liegt an der mecklenburg-vorpommerschen Ostseeküste, schreibt Wiglaf Droste, doch in die Wahrheit ist die Tourismushölle, wie alle Höllen, leider dezentral. Der Campingplatz Woblitzsee, oder wie er korrekt heißt, der »Camping- und Ferienpark Havelberge« wird von einem Finanzinvestor mit dem Tarnnamen »Haveltourist GmbH & Co. KG« betrieben, der seinerseits zur Leading Campings Group gehört, der »›most powerful group‹ des europäischen Spitzencamping«, wie dieser multinationale Konzern sich selbst nennt, mit acht Millionen Übernachtungen und 150 Millionen Euro Umsatz im Jahr. »Europaweit rund 2300 freundliche, geschulte Mitarbeiter« stehen hier unter Vertrag und müssen alberne Uniformen und ein angecoachtes Servicelächeln zur Schau tragen. Man kann der Leading Campings Group seine persönlichen Daten zur freien Vermarktung überlassen und erhält als Dankeschön die »LeadingCard« zum Paybackpunktesammeln. »Mit der LeadingCard werden Sie unser VIC (very important Camper)« und genießen »Vorteile wie das Recht auf späteres Verlassen des Campingplatzes am Abreisetag oder einen besseren Stellplatz als gebucht, falls verfügbar« sowie »ein Begrüßungsgetränk« auf jedem der 31 teilnehmenden Campingplätze in Europa.


Usw. usf. Woblitzcamping ist doppelt so teuer wie der Zeltplatz am Hexenwäldchen, aber nicht halb so schön. Die Zerberusse dieser Campinghölle erwarteten mich gleich an der Einmündung zum Woblitzsee. Sie gurkten dort mit zwei Hausbooten, die vorn, hinten, back- und steuerbords für meinen Geschmack etwas übertrieben mit dem Nationalbanner geschmückt waren sowie zusätzlich mit jenem Fähnchen, das ich, in Ermangelung vexillologischer Fachkenntnisse, der Einfachheit halber als den Rechtsnachfolger der Reichskriegsflagge beschreiben möchte. Nein, das waren keine Neonazis, oder jedenfalls nicht in erster Linie, sondern eine halbe Kompanie Bundeswehrsoldaten, die hier sozusagen auf Urlaub stationiert waren, leicht zu erkennen, denn sie waren allesamt auf legere Art uniformiert. Ich hätte sie gern gefragt, ob sie im Dienst waren, aber das ergab sich nicht.

Mir gab das nämlich Rätsel auf: Ich habe ja selbst gedient, was mittlerweile ein Vierteljahrhundert her ist. Die Nationale Volksarmee, wie meine Gurkentruppe damals hieß, hatte, im Gegensatz zur jetzigen, nie einen Krieg geführt, nicht mal zur Verteidigung. Um so mehr pumpten Generalität und Offizierskorps ihre Energie in die Aufrechterhaltung eines sinnlosen Innendienstmilitarismus preußischer Herkunft. Wehe, der oberste Kragen-Haken an der direkt von der Wehrmacht übernommenen Filzuniform war nicht geschlossen. Essentiell wichtig für die Verteidigung von Weltfrieden und Sozialismus war auch das vorschriftsmäßige Grüßen höherrangiger Knallchargen, z. B. Offiziersschülern, die »militärische Ehrenbezeugung« genannt. Dieser ganze Habt-Acht-Irrsinn war damals viel wichtiger als heute. Aber es wäre uns nie eingefallen, im Urlaub uniformiert herumzulaufen, obwohl die Ein-Strich-kein-Strich-Felddienst-Sommeruniform der NVA auch ganz lässig aussah. Diese hier trugen ihre Uniformen auf eine bizarr-verlotterte Art - offene Jacken, keine Koppel, einer trug einen breitkrempigen Hut, der nächste ein Barett, der dritte ging barhäuptig usw. In gewisser Weise durchbrachen sie das Prinzip der Uniformität, denn keiner war gekleidet wie der andere. Einer trug ein Halstuch, der nächste - ich schwör's - hatte eine leichte schußsichere Weste an. Nun, ich will nicht bestreiten, daß man in Mecklenburg-Vorpommern gelegentlich in Situationen geraten mag, in denen der Gebrauch eines solchen Kleidungsstücks angezeigt ist. Aber diese Truppe war auf eine unglaublich fratzenhafte Weise exzentrisch und ließ mich einen Augenblick daran zweifeln, daß ich es wirklich mit unserer Bundeswehr zu tun hatte. Vielleicht drehte Detlev Buck hier einen Kostümfilm. Es juckte mich sehr, mich einer ihrer amorphen Marschformationen in den Weg zu stellen und höflich zu fragen: Sacht ma Jungs, wat für 'ne spezielle Trachtengruppe seid Ihr eigentlich? Aber, um die Wahrheit zu sagen, ich traute mich nicht. Ich will nicht unerwähnt lassen, daß einer der Kombattanten dieses grotesken Platoons einen American-Staffordshire-Terrier an der kurzen Leine führte, auf eine Art, wie das gewöhnlich nur Leute tun, die sich mit mir nicht gut vertragen.

Jedenfalls war ich mir sicher, daß uns eine derartig lächerliche Zurschaustellung der Uniform seinerzeit in den Bau gebracht hätte. Offensichtlich handelte es sich hier um zwei völlig verschiedene Spielarten des Militarismus. In der NVA die traditionell-preußische Kragen-zu-Hacken-zusammen-Variante, in der Bundeswehr des 21. Jahrhunderts dagegen ein lässiger Landserstil, anschlußfähig für popkulturelle Diskurse im ländlichen Raum. Dazwischen lag eine historische Wasserscheide.

Unsere Offiziere und Generäle standen sozial nicht viel höher als wir, die wehrpflichtigen Mannschaften und mit gesellschaftlichem Druck mehr oder weniger zwangsverpflichteten Unteroffiziere auf Zeit, und mußten wohl nicht zuletzt deshalb die Distanz ständig durch Rückgriffe auf die formale Disziplin und standardisierte Rituale betonen. Viel mehr noch die Berufsunteroffiziere und Fähnriche, die allesamt kulturell und sozial deutlich unterhalb selbst der schlichtesten Angehörigen der Arbeiterklasse standen und sich weitgehend aus dem Lumpenproletariat rekrutierten, jener passiven Verfaulung der untersten Gesellschaftsschichten, wie Marx es genannt hatte.

Heute regelt alles das Geld. Selbst die Wehrpflicht konnten sie abschaffen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, genug menschlichen Nachschub für ihre Kriegseinsätze zu finden. Für uns war der Dienst an der Waffe eine lästige Pflicht, die sich durch stumpfsinnigen Kadavergehorsam zur schwer erträglichen Plage steigerte, der man sich nur schwer entziehen konnte. Heute finden sich für alles Freiwillige. Freiwillige für den Krieg in Afghanistan, Freiwillige, die als Leiharbeiter Brennstäbe in Atomkraftwerken montieren, Freiwillige fürs RTL-Dschungelcamp. Die bizarr ausstaffierte Gurkentruppe vom Freizeitpark Woblitzsee markierte einen gesellschaftlichen Trend: Der Soldat, dem die Uniform, das Symbol seiner Unterordnung, ja sein Verbleiben im jämmerlichsten Zustand der Unterdrückung selbst, nichts äußerliches mehr ist, sondern ein Fortsatz seines Körpers, wie ein Piercing, von dem er glaubt, es sei Teil seiner einzigartigen Identität, dabei ist längst jeder Zweite zusammengetackert. Die Liberalen haben dem Kommunismus vorgeworfen, einen »neuen Menschen« schaffen zu wollen, aber jetzt hat der postmoderne Kapitalismus tatsächlich einen neuen Menschen geschaffen, von dem, würde er sich seiner Ketten oder sei es nur der Insignien seiner Unterdrückung entledigen - Bundeswehr- oder sonstige Uniform, iPhone, RTL, Biocompany - womöglich nicht mehr viel übrig bliebe.


III

In dieser Nacht, nach dem zweiten Tag meiner Tour, tat mir alles weh, und ich wußte kaum, wie ich liegen sollte, in meinem Ein-Mann-Kuppelzelt am Ufer der Campinghölle mit Megabiergarten und Diskobeschallung. Ich dachte ernsthaft daran, das Projekt abzubrechen und mich auf kürzestem Weg zum Regionalbahnhof Groß Quassow zu begeben, aber am Morgen schien wieder die Sonne, die Wellen glitzerten wie auf Coopers Glimmerglassee im Band Eins der Lederstrumpferzählungen, also packte ich meine Sachen, sprang nochmal in den See und legte ab.


Es wurde eine lange Etappe über die hier schon breitere und für den Motorbootverkehr ausgebaute Havel und etliche kleinere und größere Seen, bis am Ende des langgestreckten Großen Priepertsees der schmale, abgewinkelte Ellbogensee auftauchte, von dessen Ufer mich schon ein kleiner Zeltplatz anlachte. Nicht so hübsch verträumt wie der am Hexenwäldchen, aber angenehm, viel humaner als die Tourismusfabrik am Woblitzsee, und kaum hatte ich mein Zelt aufgebaut, fing es an zu regnen. Auf den Abend wurde es wieder schön, der Zeltplatz füllte sich mit überwiegend netten Familien, der Rohrdrosselsänger machte einen Heidenlärm. Ein Camper im besten Vorruhestandsalter provozierte ihn, indem er sich den Rohrdrosselsängerinnensingsang auf auf sein iPhone downloadete und den armen Vogel damit ganz kirre machte. Ich schloß meine Aufzeichnungen über den alten und neuen Militarismus ab und ging früh schlafen.


IV

Am nächsten Morgen stand ich um sieben auf, brach mein Zelt ab, breitete meine Sachen auf einem sonnigen Fleck auf der Böschung aus, daß der Nachttau abtrocknen konnte. Ich schwamm eine Runde, holte mir Kaffee und Brötchen und frühstückte zum letzten Mal auf dieser Tour. Gegen halb neun legte ich ab.

Dunstschwaden lagen wie Spinnweb über der spiegelglatten Oberfläche. Lautlos glitt ich am Kahn eines Anglers vorbei, und gerade als ich ihn passierte, hatte er einen Biß. Ich ließ mein Kajak sachte beidrehen und langsam abdriften, damit ich den Kampf beobachten konnte, der nun begann. Ich verschwand im Dunst, bevor ich sehen konnte, wer gewonnen hatte.


 Es wurde zehn, bis mir das erste Motorboot begegnete. Der jähe Mißklang rief blitzartig ins Bewußtsein, was bis vor einer Sekunde gefehlt hatte, und dieses Fehlen machte deutlich, wie fehl am Platz dieses Geräusch hier war. Natürlich, ich sah die Welt aus der Perspektive des Paddlers, für den Motorboote ohnehin bestenfalls überflüssig, oft aber ein Ärgernis sind. Aber auch die kilometerlangen Uferbefestigungen aus Pfählen, Planen und Faschinen sah ich aus dieser Perspektive sehr gut. Es mußten Millionen sein, die die öffentliche Hand dafür ausgab, die Ufer zu schützen, wie es der zuständige Fachminister in Verdrehung der tatsächlichen Verhältnisse nennen würde. In Wirklichkeit wurden nicht die Ufer geschützt: Dies war ein Schutzschirm für jene, die nicht darauf verzichten wollten, mit Diesel oder Benzin über die Havelseen zu tuckern oder preschen, weil ihnen kein anderes Vergnügen in den Sinn kam. Man sieht die Uferbefestigung mit anderen Augen, wenn man am Steuer eines Motorboots sitzt: Sie ist einfach da. Man denkt nicht: Oh, da haben sie jetzt so und soviel Millionen aus der Landeskasse lockergemacht, nur damit ich hier Lärm und Gestank verbreiten und dabei Spaß haben kann. Vielen Dank auch - und tut mir leid, daß dafür drei Bibliotheken und fünf Jugendclubs schließen mußten! Nein: Je mehr Ressourcen einer verbraucht und je mehr Müll er auf seiner Bahn verstreut, desto selbstverständlicher nimmt er es hin, daß ihm die anderen seinen Dreck hinterherräumen und die Rechnung übernehmen. Es ist egal, ob er mit einem 430-PS-Speedboat oder Möchtegerngeländewagen unterwegs ist oder ein Atomkraftwerk betreibt. Er ist »too big to fail«, und das weiß er genau.


Ich kam gut voran auf meinem letzten Teilstück. Gegen 10 Uhr 30 erreichte ich die Schleuse Steinhavelmühle. Das Schleusen oder, nennen wir es bescheidener das Geschleustwerden, ist ein faszinierendes Erlebnis von schwerer Technik und Naturkraft. Die Havel fließt mit kaum einem halben Kilometer pro Stunde langsam dahin, aber wenn man flußabwärts geschleust wird und plötzlich an der noch nassen Innenmauer der Schleusenkammer nach oben sieht und feststellt, daß man soeben 1,60 Meter tiefergelegt wurde, weiß man auch warum. Noch zwei praktische Tips. Lassen Sie bei der Ein- und Ausfahrt Motorbooten, dazu zählen auch Segler, die in Flüssen und Kanäle unter Maschine laufen, den Vorrang. Und bitte das Boot nicht an den seitlichen Haltegriffen des Schleusbeckens festbinden.


Eine Stunde später erreichte ich den Röblinsee bei Fürstenberg, den größten der drei Seen, die die Stadt von Osten, Westen und Süden umschließen. Käbelicksee, Granziner See, Schulzensee, Pagelsee, Zotzensee, Jäthensee, Jamelsee, Görtowsee, Zierzsee, Useriner See, Großer Labussee, Woblitzsee, Drewensee, Finowsee, Wangnitzsee, Großer Priepertsee, Ellbogensee, Ziernsee, Menowsee,Röblinsee - zwanzig Seen hatte ich in vier Tagen durchfahren. Jetzt war ich kurz vorm Ziel.


Schon an der Einfahrt zum Röblinsee, fällt, obwohl noch zwei Kilometer entfernt, als imposante Landmarke das alte Speichergebäude des ehemaligen Güterbahnhofs am gegenüberliegenden Ostufer ins Auge. Kommt man näher, sieht man den Verfall.




Am Campingplatz bei Herrn Kietzmann ging ich an Land, ließ die Luft aus dem Kajak, bemerkte mit Hochachtung für die Firma Semperit, daß dieses dreißig Jahre alte Schlauchboot in den vier Tagen kein bißchen Luft verloren hatte, packte meine Ausrüstung wieder in meinen Rucksack, bezahlte zwanzig Cent Aussetzgebühr, weil ich keine 50 greifbar hatte und trug mein Gepäck zum Bahnhof.


Fürstenberg ist die Stadt der verfallenden Bauten: Steinhavelmühle, Speicher, Wasserburg, ja selbst der noch viel benutzte Bahnhof am Streckenkilometer 78,0 der Preußischen Nordbahn löst sich in seine Bestandteile auf. »Geschlossen wegen Vandalismusschäden«, hat die DB Station&Service AG an die Tür geschrieben. Nun, wer Vandalismus hervorbringen möchte, tut dies am effektivsten, indem er ein Gebäude verfallen läßt. DB Station&Service ist in dieser Disziplin vermutlich Marktführer in Deutschland.


Ich ging also wie alle Reisenden außen um die Bahnhofshalle herum, um auf den Bahnsteig zu gelangen, wo ein DB-Ingenieur am Fahrkartenautomaten herumschraubte. »Dit wird hier nischt mehr«, stellte er fachmännisch klar. »Und wo wird dit wat?«, fragte ich zurück. »Müssense im Zuch nachlösen«, antwortete er. Wie auf Kommando jammerte hinter mir eine Fahrradtouristin im fortgeschrittenen Alter los. »Ja, ob die mir auch glauben, daß der Automat kaputt war?« »Das wird schon«, versuchte ich sie zu beruhigen. Faszinierend diese Mischung aus überwältigendem Ohnmachtsgefühl gegenüber den absehbaren Anmaßungen eines Großkonzerns und völligem Mangel selbst an maßvollster Zivilcourage. Ja, es war nicht unrealistisch, daß der Zugbegleiter den üblichen »Bordzuschlag« von 2,50 Euro verlangen würde - nicht aus Bösartigkeit, sondern weil ihn niemand informiert hatte, daß seit heute in Fürstenberg keine Fahrkarten mehr verkauft wurden. Zwar hatte Bahnchef Grube im Juli 2010 angekündigt, die Bahn würde ihre Zugbegleiter mit »Smartphones der neuesten Generation« ausstatten. Aber was nützte das? DB Regio Nordost und DB Station&Service waren völlig selbstständige Tochterunternehmen eines börsenorientierten Staatsunternehmens, das es nicht mal schaffte, ein Organigramm seiner eigenen Konzernstruktur zu veröffentlichen - wahrscheinlich, weil die sich laufend änderte. Aber sei's drum: Ich würde die Nachlösegebühr nicht bezahlen. Wenn die DB AG auf ihren 2,50 bestehen würde, sollte sie doch klagen.

Der Regionalexpress 5 aus Rostock fuhr ein. Ich stieg zu, der Zug war gut besetzt. Ich fand Platz auf einer Treppe. Im Zwischendeck reiste ein Dreivierteldutzend nordostdeutscher, ich würde sagen, Verkäuferinnen, die sich mit warmem Wodka und »kleinem Feigling« bei Laune hielten. Sie hatten sich für ihre Pfingst-Gruppenreise T-Shirts mit dem Aufdruck »Hasen on Tour« drucken lassen und führten Gespräche, in denen Wörter vorkamen, von deren Existenz ich bislang nichts gewußt hatte, z. B. »Muschikissen«. Irgendeine mußte ständig aufs Klo und ich jedesmal ein Stück zur Seite rücken. Aber allesamt bedankten sie sich höflich. An ihren Umgangsformen war insofern nichts auszusetzen, dennoch gab es einen Zug in ihrem Erscheinungsbild, der mir ähnlich beklemmend erschien wie die Präsenz des Detlev-Buck-Bataillons im Holiday-Ressort Woblitzsee.

Der Zivilisation zu entkommen, war mir nur für wenige Stunden gelungen, im nördlichen Teil und der Kernzone des Nationalparks und am Sonntag morgen zwischen Ellbogensee und Steinhavel, bevor die verkaterten Motorbootsführer ihre Maschinen anwarfen. Die meiste Zeit hatte mein Gehirn gerattert wie eine PC-Tastatur und sich vom Wahnsinn der Normalität rappelig machen lassen wie der Rohrdrosselsängerhahn vom Klingelton aus dem iPhone. In Oranienburg sprang ich aus dem Zug. Ein Schaffner war nicht vorbeigekommen. Es gab am Pfingstsonntag 2011 zwischen Fürstenberg und Berlin einfach keine Möglichkeit, eine DB-Regio-Fahrkarte zu erwerben. Ich hatte zehn Euro gespart. Falls das die neue Freundlichkeitsoffensive der Deutschen Bahn AG ist, nehme ich alle Gemeinheiten zurück, die ich je über die Großtuerei dieses Ladens geschrieben habe.

(Juli 2011)