Beschäftigte der Volkswerft Stralsund hoffen auf Insolvenz in Eigenverwaltung. Heute tagt der Gläubigerausschuß
Von Jörn Boewe, Stralsund, junge Welt, 6. Sept. 2012
Die
Stimmung ist gedrückt auf der Volkswerft Stralsund. Der
Schiffbaubetrieb gehört zur »P+S«-Gruppe, die in der vergangenen Woche
Insolvenz angemeldet hat. Im Konferenzraum des Betriebsrates hängt ein
zehn Jahre altes IG-Metall-Plakat. »Kein Aus für Flender« steht darauf.
2002 wurde die Lübecker Flender-Werft geschlossen. »Da sind wir damals
hin und haben mitgeheult«, sagt Betriebsrat Hans-Jürgen Fischer. »Und
jetzt sind wir selber kurz davor.«
5. September 2012
4. September 2012
ITF überprüft Ostseehäfen
Internationale Transportarbeiterföderation kontrolliert Einhaltung von Tarifverträgen auf Schiffen an der deutschen Küste
Von Jörn Boewe, Wismar, junge Welt, 5. Sept. 2012
Früh um neun im Gewerkschaftshaus in der Rostocker August-Bebel-Straße. Die dritte Etage gehört ver.di, sagt ein freundlicher, älterer Besucher, aber in Rostock sind alle Gewerkschaften klamm, deshalb hätten sie einen Teil vermietet, »an diese Seefahrergewerkschaft, glaube ich«. »Diese Seefahrergewerkschaft« besteht am Dienstag morgen aus dem Nigrer Hamani Amadou und sechs Hafenarbeitern, zweien aus Rostock, vieren aus Lübeck.
Amadou recherchiert im Internet, welche Schiffe heute in die Ostseehäfen der Region einlaufen: Rostock, Wismar, Lübeck, Kiel. Kein Schiff fährt heute mehr unentdeckt ohne Tarifvertrag über die Weltmeere. Dank GPS und Internet kann seine Position genau bestimmt werden. Amadou kann auf verschiedene Datanbanken zugreifen – die der Internationalen Transportarbeiterföderation (ITF) in London wie auch das ebenfalls an der Themse ansässige Internationale Schiffsregister von Lloyd. Eigentümer, tariflicher Status und weitere Einzelheiten können heute schneller zusammengestellt werden, als eine Möwe auf Deck scheißt.
Von Jörn Boewe, Wismar, junge Welt, 5. Sept. 2012
Früh um neun im Gewerkschaftshaus in der Rostocker August-Bebel-Straße. Die dritte Etage gehört ver.di, sagt ein freundlicher, älterer Besucher, aber in Rostock sind alle Gewerkschaften klamm, deshalb hätten sie einen Teil vermietet, »an diese Seefahrergewerkschaft, glaube ich«. »Diese Seefahrergewerkschaft« besteht am Dienstag morgen aus dem Nigrer Hamani Amadou und sechs Hafenarbeitern, zweien aus Rostock, vieren aus Lübeck.
Amadou recherchiert im Internet, welche Schiffe heute in die Ostseehäfen der Region einlaufen: Rostock, Wismar, Lübeck, Kiel. Kein Schiff fährt heute mehr unentdeckt ohne Tarifvertrag über die Weltmeere. Dank GPS und Internet kann seine Position genau bestimmt werden. Amadou kann auf verschiedene Datanbanken zugreifen – die der Internationalen Transportarbeiterföderation (ITF) in London wie auch das ebenfalls an der Themse ansässige Internationale Schiffsregister von Lloyd. Eigentümer, tariflicher Status und weitere Einzelheiten können heute schneller zusammengestellt werden, als eine Möwe auf Deck scheißt.
Labels:
Mecklenburg-Vorpommern,
Salzwasser
16. Mai 2012
Outgesourcte wehren sich
Piepenbrock-Arbeiter im Erzwingungsstreik. Beschäftigte von
Wartungsfirma am Stahlwerk Arcelor kämpfen gegen Abkoppelung von
Tarifentwicklung
Von Jörn Boewe, Eisenhüttenstadt / junge Welt, 16. Mai 2012
»Jetzt geht’s darum, wer am stursten ist«, sagt einer. Es ist der vierte Streiktag bei Piepenbrock Instandhaltung in Eisenhüttenstadt. In »Hütte«, sagen die Einheimischen. Zwei Dutzend Männer und eine Frau drängen sich im Sportlerheim, unweit des Stahlwerks von Arcelor-Mittal, vormals Eisenhüttenkombinat Ost, später EKO Stahl. Hier hat die IG BAU ihr Streiklokal eingerichtet. Gewerkschaftssekretär Hivzi Kalayci steht am Grill und dreht Bratwürste. Die Piepenbrock GmbH & Co. KG unterhält hier eine Niederlassung mit 62 Beschäftigten, die für die Wartung von Krananlagen, Inudstriebahn, Hebebühnen, Aufzügen usw. bei Arcelor zuständig sind
Vor zwanzig Jahren waren sie noch Teil des Stahlwerks. Sie fielen auch unter den Stahltarifvertrag. Um Geld zu sparen, wurde der Instandhaltungsbereich damals ausgegliedert – und von der Tarifentwicklung der Stahlindustrie abgekoppelt. »Wir haben in den zwanzig Jahren gegenüber unseren Kollegen bei EKO fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Euro Minus gemacht.« Ein Facharbeiter bekommt bei Piepenbrock in Eisenhüttenstadt 9,91 Euro die Stunde.
Von Jörn Boewe, Eisenhüttenstadt / junge Welt, 16. Mai 2012
»Jetzt geht’s darum, wer am stursten ist«, sagt einer. Es ist der vierte Streiktag bei Piepenbrock Instandhaltung in Eisenhüttenstadt. In »Hütte«, sagen die Einheimischen. Zwei Dutzend Männer und eine Frau drängen sich im Sportlerheim, unweit des Stahlwerks von Arcelor-Mittal, vormals Eisenhüttenkombinat Ost, später EKO Stahl. Hier hat die IG BAU ihr Streiklokal eingerichtet. Gewerkschaftssekretär Hivzi Kalayci steht am Grill und dreht Bratwürste. Die Piepenbrock GmbH & Co. KG unterhält hier eine Niederlassung mit 62 Beschäftigten, die für die Wartung von Krananlagen, Inudstriebahn, Hebebühnen, Aufzügen usw. bei Arcelor zuständig sind
Vor zwanzig Jahren waren sie noch Teil des Stahlwerks. Sie fielen auch unter den Stahltarifvertrag. Um Geld zu sparen, wurde der Instandhaltungsbereich damals ausgegliedert – und von der Tarifentwicklung der Stahlindustrie abgekoppelt. »Wir haben in den zwanzig Jahren gegenüber unseren Kollegen bei EKO fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Euro Minus gemacht.« Ein Facharbeiter bekommt bei Piepenbrock in Eisenhüttenstadt 9,91 Euro die Stunde.
Labels:
Brandenburg
21. April 2012
Hoy no circula
Zehn vor fünf mußte ich aus dem Haus, damit ich um sieben bei General
Motors war. Einmal von Süd nach Nord durch die ganze Stadt. Lucas, der
wahnsinnige Taxifahrer, mit dem ich die Wohnung teilte, surfte mit
seinem grünen VW-Käfer irgendwo durch die unendlichen Weiten Mexico
Citys. Wenn jemand für Lucas anrief, wußte ich nie, ob er gerade »immer
noch« oder »schon wieder« arbeitete. Es war sowieso dasselbe. Luke
Skywalker flog durch den Hyperraum, wo die Begriffe der Newtonschen
Physik keine Anwendung mehr fanden.
Ich sprang aus der Dusche, die mich um diese Uhrzeit nie enttäuschte, das heißt, es kam Wasser heraus (kaltes), trocknete mich in der kleinen Küche ab, wärmte meine Hände an der Kaffeetasse und überlegte, ob ich mir ein paar Maistortillas auf der Herdplatte ankokeln sollte, da klingelte das Telefon.
Ich sprang aus der Dusche, die mich um diese Uhrzeit nie enttäuschte, das heißt, es kam Wasser heraus (kaltes), trocknete mich in der kleinen Küche ab, wärmte meine Hände an der Kaffeetasse und überlegte, ob ich mir ein paar Maistortillas auf der Herdplatte ankokeln sollte, da klingelte das Telefon.
Labels:
Las Américas,
Mexiko
11. April 2012
México on Kodachrome (1994)
Photos mainly taken in Chiapas, México, 1994, at the 1st meeting of the "Convención Nacional Democrática" in the territories controlled by the zapatista liberation army EZLN. Praktica BMS on Kodachrome. Geographical position only approximately. > more ...
Labels:
Las Américas,
Mexiko
29. Februar 2012
Im Elbsandstein wandern
Der Wechsel vom Winter zum Frühjahr ist die richtige Zeit für eine Tour durch die Sächsische Schweiz
Von Jörn Boewe, junge Welt, Reisebeilage, 29. Feb. 2012
Es ist keine schlechte Idee, über Ostern ans Mittelmeer zu flüchten, wo die Luft noch kalt, aber die Sonne schon warm ist. Doch in diesem Jahr hatte ich etwas besseres vor. Ich zog die Wanderstiefel an und stieg in den Eurocity Richtung Budapest. Man reist angenehm mit diesem Zug, er ist bequem wie ein alter Interregio, aber nicht overdesigned wie ein ICE. Nach knapp drei Stunden stieg ich in Bad Schandau aus.
Von Jörn Boewe, junge Welt, Reisebeilage, 29. Feb. 2012
Es ist keine schlechte Idee, über Ostern ans Mittelmeer zu flüchten, wo die Luft noch kalt, aber die Sonne schon warm ist. Doch in diesem Jahr hatte ich etwas besseres vor. Ich zog die Wanderstiefel an und stieg in den Eurocity Richtung Budapest. Man reist angenehm mit diesem Zug, er ist bequem wie ein alter Interregio, aber nicht overdesigned wie ein ICE. Nach knapp drei Stunden stieg ich in Bad Schandau aus.
Labels:
Elbsandstein,
Gebirge,
Sachsen
23. Februar 2012
Von wegen Bürgerrechtler: Gaucks Freiheit
»Seit Anfang 1990 waren wir in ziemlich unerfreuliche Entwicklungen
hineingerutscht. Sämtliche `89er Hoffnungen auf eine
freiheitlich-sozialistische Entwicklung hatten sich erledigt. Ich
erinnere mich, wie wir um den Jahreswechsel 1989/90 die Rostocker Lange
Straße entlangliefen – ein paar hundert Leute mit einer schwarzen
VL-Fahne mit rotem Stern. Die Hafenarbeiter waren an uns – die
»Initiative Vereinigte Linke« - mit der Bitte herangetreten, sie bei der
Bildung eines Hafenrates zu unterstützen. Das war ein
Hoffnungsschimmer: Die Revolution war noch lebendig. Das Management
wollte nur einen »Beirat« ohne Entscheidungskompetenz akzeptieren. Die
Belegschaft fühlte sich zu recht verarscht. Wir rieten ihr, nichts zu
unterschreiben. Wir waren alle ein bißchen skeptisch. Aber wir würden
tun, was in unserer Macht lag, die Öffentlichkeit mobilisieren, die
Manöver der Funktionäre aufdecken, die Universität revolutionieren. Die
Stasi aushebeln. Das Steuer herumreißen. Studenten und Arbeiter
gemeinsam. Die freie Kommune Rostock. Mit den Packern vom Überseehafen.
Das Tor zur Welt.
Unsere Schwierigkeiten, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, wurden von Tag zu Tag größer. Rostocks Pastor Joachim »Jochen« Gauck hatte mehr Erfolg als wir. Eine der ersten politischen Aktionen des Mannes, der zunächst als Schirmherr der Rostocker »Donnerstagsdemos« bekannt wurde und später einer Bundesbehörde seinen Namen lieh, hatte im Herbst 1989 darin bestanden, die »Böhlener Plattform für eine vereinigte Linke« vom schwarzen Brett seiner Kirche abzureißen. Für solche wie uns hatten die gerade erkämpften demokratischen Freiheiten nicht zu gelten. Wir ließen uns das nicht bieten, aber von Woche zu Woche wurde klarer, daß wir immer mehr in die Defensive gerieten. Vielleicht hatte Jochen Gauck mehr Charisma als wir. Auf jeden Fall hatten seine Freunde mehr Westgeld.«
Jörn Boewe, in: ... das war doch nicht unsere Alternative: DDR-Oppositionelle zehn Jahre nach der Wende, hrsg. von Bernd Gehrke und Wolfgang Rüddenklau, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 1999
![]() |
| "Sie wissen, wie es gemacht wird. Aber was für Arschlöcher sind manche" (Mexico City 1994) |
Unsere Schwierigkeiten, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, wurden von Tag zu Tag größer. Rostocks Pastor Joachim »Jochen« Gauck hatte mehr Erfolg als wir. Eine der ersten politischen Aktionen des Mannes, der zunächst als Schirmherr der Rostocker »Donnerstagsdemos« bekannt wurde und später einer Bundesbehörde seinen Namen lieh, hatte im Herbst 1989 darin bestanden, die »Böhlener Plattform für eine vereinigte Linke« vom schwarzen Brett seiner Kirche abzureißen. Für solche wie uns hatten die gerade erkämpften demokratischen Freiheiten nicht zu gelten. Wir ließen uns das nicht bieten, aber von Woche zu Woche wurde klarer, daß wir immer mehr in die Defensive gerieten. Vielleicht hatte Jochen Gauck mehr Charisma als wir. Auf jeden Fall hatten seine Freunde mehr Westgeld.«
Jörn Boewe, in: ... das war doch nicht unsere Alternative: DDR-Oppositionelle zehn Jahre nach der Wende, hrsg. von Bernd Gehrke und Wolfgang Rüddenklau, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 1999
Labels:
Berlin,
Mecklenburg-Vorpommern
Abonnieren
Posts (Atom)






