14. Juni 2026

Poel. Wind, Wege, Wetter. Insel im Gegenlicht

Der Wind wehte von Südwest.

Er strich über die flachen Wiesen, bog das Gras, schob Wolken über die Bucht und ließ das Licht von einer Minute zur nächsten wechseln.

Auf Inseln ist Wetter keine Kulisse. Es entscheidet, was möglich ist.

Ich stellte das Fahrrad an den Strand. Vor mir lag die Wismarbucht, dahinter die offene See. Das Wasser war unruhig, aber nicht aufgewühlt. Möwen standen gegen den Wind in der Luft, als hätten sie vergessen, dass Fliegen eigentlich Bewegung bedeutet.

Der Pfad am schmalen Strand führte unter niedrigen Bäumen entlang. Manche waren bereits umgestürzt. Die Steilküste verlor jedes Jahr einen halben Meter Land. Wurzeln ragten aus dem Sand wie freigelegte Leitungen. Die Ostsee arbeitet langsam, aber gründlich.

Das Kliff hatte nichts Tröstliches. Gerade deshalb tat es gut. Kein Kiosk, keine Musik, keine Strandkörbe. Nur Sand, Gras, Wind und der Abbruch der Erde.

Der Horizont. Die See. Die Küste. Von hier aus sieht alles dauerhaft aus. Nichts davon stimmt.

Später stand ich vorm alten Leuchtturm von Timmendorf. Überm Hafen türmten sich dunkle Wolken. Für einen Moment fiel Sonnenlicht auf den Turm, während ringsum der Himmel fast schwarz wurde. Es sah aus, als hätte jemand einen Scheinwerfer auf ihn gerichtet.

Früher war ein Leuchtturm ein Versprechen. Dort ist Land. Dort ist Gefahr. Dort ist Richtung. Heute stehen die Warnungen woanders.

Ein paar Minuten später war das Licht wieder verschwunden.

Auf einem Backsteingebäude stand in verblassten Buchstaben: „Uns’ Hüsung“. Ein Wort aus einer anderen Zeit. Es hing dort, als hätte es vergessen, dass die Welt weitergezogen war. Die Insel ist voll von solchen Resten. Nichts Spektakuläres. Nur Spuren.

Auf einer Weide grasten Pferde. Hinter ihnen lag das Wasser.

Ein Zaunpfahl, verwittert vom Salz und vom Wind, hält noch immer den Draht.

Landschaften tun so, als seien sie einfach da. In Wahrheit sind sie Arbeit, Ordnung, Pflege, Besitz und Wetter.

Später zog eine Front über die See. Das Licht kam jetzt schräg von Westen. Die Küste lag im Gegenlicht. Das Wasser wurde silbern. Die Wolken standen übereinander wie Gebirge.

Draußen fuhr ein einzelner Segler nach Norden.

Wo früher nur der Horizont war, war jetzt eine Lage. Routen, Grenzen, Flotten, Manöver, gesprengte Pipelines. Drohnen flogen übers Baltikum. Der Krieg berührte schon das Meer. Nichts davon war zu sehen, und doch war es nicht mehr wegzudenken.

Für einen Moment wirkte das Schiff verloren in der Weite. Dann begriff ich, dass das nur die Perspektive vom Ufer war. Wahrscheinlich war es genau umgekehrt. Wir, die an Land festlagen, waren verloren, zwischen Nachrichten, Terminen und den immer schärfer werdenden Debatten über Krisen, Aufrüstung und die Zukunft Europas. In diesen Zeiten, wo wir allen Mut verloren hatten und unsere Anführer komplett den Verstand.

Hier draußen verlor das alles für ein paar Stunden seine Lautstärke. Nicht seine Bedeutung. Nur seine Lautstärke.

Der Wind blieb.

Die Wolken zogen weiter.

Die Insel lag im Gegenlicht.


6. Dezember 2025

Am Rand der sichtbaren Dinge

Vom S-Bahnhof Bellevue ist es kein weiter Weg zur Spree. Abends liegt der Fluss schwer zwischen den Ufermauern, wie ein technisches Becken.


Die S-Bahn rattert auf dem Stahlbogen über das Wasser, rot-gelbe Waggons ziehen im engen Rhythmus vorbei. Unten gehen zwei Gestalten über den schmalen Steg, geduckt unter der Konstruktion, als gehörten sie nicht zur gleichen Stadt wie die, die oben vorbeifährt. Die Lampen werfen ein gelbes Dreieck ins Schwarz, es schwimmt kurz, verliert die Kontur, verschwindet.

14. August 2025

Belgrad, 25 Jahre danach

Die Ruine des Generalstabsgebäudes in der Nemanjina-Straße steht noch. Beton zersplittert, Treppenschächte offen wie Wunden. Gerüchte, man wolle das Ensemble schleifen, flammen alle paar Jahre auf. Ein Investor hier, eine Renditefantasie da. Ende 2024 wurde es konkreter. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić will den Weg freimachen für den Abriss. Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner plant auf dem Areal einen Luxuskomplex: Apartments, Hotel, Büros.

Der Widerstand kam unerwartet. Mitarbeiter des Republikanischen Instituts für Denkmalschutz weigerten sich, den Generalstab aus dem Zentralregister für unbewegliche Kulturgüter zu streichen. Noch steht die Ruine. Als Mahnung, als Störfall im Geschäftsmodell.

Belgrade, 25 years later

The ruins of the General Staff building still stand on Nemanjina Street. Concrete is shattered, stairwells lie open like wounds. Every few years, rumors flare up about tearing the complex down. An investor here, a return-on-investment fantasy there. By the end of 2024, things got more concrete. Serbian President Aleksandar Vučić wants to clear the way for demolition. Donald Trump’s son-in-law Jared Kushner plans to build a luxury complex on the site: apartments, hotel, offices.

The resistance came unexpected. Staff at the Republican Institute for the Protection of Cultural Monuments refused to strike the building from the central register of immova le heritage. The ruins still stand. As a warning. A disruption in the business model.

8. Mai 2025

Transit

Airports are promise and loss at once. Places without shelter, built of glass, concrete, and air conditioning. You wait—always wait. For flights, for connections, for arrivals. For coffee that tastes like nothing.

Transit

Flughäfen sind Versprechen und Verlorensein zugleich. Orte ohne Bleibe, gebaut aus Glas, Beton und Klimaanlagen. Man wartet, immer wartet man – auf Flüge, Anschluss, Ankunft, auf einen Kaffee, der nach nichts schmeckt.

18. März 2025

Sahara in the Atlantic

 


The wind carries fine dust, not from here. The sun casts long shadows on the hills. Volcanic ash, lava gravel, sparse shrubs clinging where nothing else will grow. The Atlantic rolls onto the shore in long waves.