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11. August 2022

Let's roll again. ITF Baltic Week of Action goes on, after two years of forced interruption

 


I am glad to hear that after a two-year forced interruption due to the pandemic, the ITF Baltic Week of Action will be held again this year in September. Albeit small-scale and rather symbolic, it embodies the idea of immediate workers' solidarity across national, professional, organizational and bureaucratic boundaries. It can be read as a seedbed for a holistic cross-sectoral politics of solidarity from below, as we need it more than ever today, in times of increasingly self-and all-destructive late capitalism.
Is this idea an unrealistic pipedream? This is a typical objection from bureaucrats and narrow-minded people who don't realize how much the ground is burning beneath our feet. In a contribution to the hopefully soon to be published "Handbook of the Political Economy of Work", I try to develop such a strategic vision on a materialist basis.

The sea is a transport route for people and goods, a reservoir for food (fishing and aqua farming), a source of raw materials (offshore mining), energy (both fossil fuels such as oil and gas, and renewable ones such as wind and tidal power), a space of military conflict, human recreation (or the illusion that the modern tourism industry sells for that purpose) and, last but not least, a place of human contemplation and inspiration. The oceans are the fluid that enables and holds together the economic cultural and ecological existence of humanity as a global species.

I remember, when one of the traditional East German shipyards, Volkswerft Stralsund, slid into insolvency (not for the first time) in the fall of 2012, Hamani Amadou, Inspector of the International Transport Workers' Federation ITF, from neighboring Rostock paid a spontaneous visit to the shipyard workers, accompanied by a team of volunteers, dock workers from Lübeck and Rostock. Actually, they wanted to inspect incoming ships from flag of convenience states for compliance with minimum collective bargaining standards as part of the international "Baltic week of action".

Why were they here, at a shipyard, in the organizational area of the German metalworkers' union IG Metall?

"This is where the ships are built on which the seafarers we organize are sailing, the ships our members load and unload in the ports," Hamani said. "Seafarers, dockers, shipyard workers - we are one family. If you suffer, we suffer too."

What may sound like sentimental maritime poetry is actually nothing more than straight prose. Since the 1990s, the conditions under which workers in the maritime or ocean-related economy perform their work have been subject to similar or even identical trends. Accelerated capitalist globalization, the financialization of the economy, the triumph of neoliberalism have led to increased de-unionization, precarization and devaluation of labor and the pitting of workers against each other in highly fragmented global labor markets. New technological possibilities have not mitigated the socially destructive consequences of these developments, but rather exacerbated them. A cross-sectoral, integrated theoretical and political approach to maritime work is therefore more necessary than ever.
Of course I know, that the practice of trade unions is still far from that holistic, cross-sectoral approach. So this has to be changed. It has to be done. It's that simple.

(Thanks to all the friends and companions who inspired and encouraged me to maritime writing.)

19. November 2020

Maritime writing

Ever since I did research for my reportage "Rearguard action in Gdansk" at Stocznia Gdanska in 1996, I have written again and again about the connection between men and  sea. Reasons are simple. The ocean breeze, the wide horizon, seagull cries, fish, salt water. All that does me good in every respect. I don't have any romantic idea about working in the maritime logistic complex. Navegare necesse est - seafaring is a must, but it is most beautiful if you can do it for pleasure. Unfortunately, it is one of the pleasures I cannot afford as often as I would like to. Far too seldom I manage to spend my vacations on the coast, at sea and on islands. So what can I do? I just have to find some suitable work ...



4. März 2015

Strampeln im Nichts-Meer

Der April ist die beste Zeit für eine Radtour von Berlin nach Usedom

Von Jörn Boewe, junge Welt, Reisebeilage 4. März 2015

Wenn die Luft noch kalt ist, aber die Sonne schon Kraft hat, ist es eine gute Idee, ans Mittelmeer zu fliegen. Noch schlauer ist es indessen, antizyklisch an die Ostsee zu reisen, die ja eine Art »Mittelmeer des Nordens« ist. Die Saison liegt in weiter Ferne, es nervt keine Touristenanimation, und die Preise sind moderat.


Usedom, die »Badewanne der Berliner«, erreicht man von der Hauptstadt aus mit dem Regionalexpress in dreieinhalb Stunden. Wenn Sie ein bisschen mehr Zeit haben, schwingen Sie sich aufs Rad. Amtlicher Startpunkt des Fernradwegs Berlin–Usedom ist der Schlossplatz auf der Berliner Spreeinsel, den wir an dieser Stelle mit Vergnügen noch Marx-Engels-Platz nennen. Wer die Stadt schnell verlassen möchte, nimmt die S-Bahn nach Bernau. Von dort geht’s auf einer asphaltierten autofreien Piste quer durch die dichten Wälder von Barnim und Schorfheide in die Uckermark.



6. Dezember 2014

Wo Willy Brandt recht hatte und wo er sich irrte

Es war ein unglaubliches Gedränge vor der Rostocker Marienkirche, heute vor 25 Jahren. Willy Brandt sollte eine Rede halten. Die Stimmung war fiebrig, die festgezurrten politischen Verhältnisse waren ins Wanken geraten, der Turm begann einzustürzen, aber es war noch nicht klar, in welche Richtung er kippen würde. Vor einem Monat hatte es eine Massendemonstration der Opposition auf dem Alexanderplatz gegeben, seit vier Wochen war die Mauer offen. Vor drei Tagen hatten Hunderttausende eine Menschenkette von Kap Arkona zum Fichtelberg gebildet - eine Aktion, die unter der Losung "Ein Licht für unser Land" stand, und nach 25 Jahren bundesdeutscher Geschichtsklitterung praktisch aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht ist, weil das Land, von dem da die Rede war, ausschließlich als "Unrechtsstaat" erinnert werden darf und sonst nichts.

5. Januar 2014

Salzwasser

Seit ich 1996 auf der Stocznia Gdanska für meine Reportage »Nachhutgefechte in Danzig« recherchierte, habe ich immer wieder über die Verbindung von Mensch und Meer geschrieben. Der Grund ist simpel. Die Seeluft, der weite Horizont, Möwengeschrei, Fisch, Salzwasser. All das tut mir in jeder Hinsicht gut. Ich habe keine romantische Vorstellung von der Arbeit im maritim-logistischen Komplex. Seefahrt muss sein, aber sie ist am schönsten, wenn man sie zum Vergnügen betreiben kann. Leider gehört sie zu den Vergnügungen, die ich mir kaum leisten kann. Aber wenn ich es schon viel zu selten schaffe, an Küsten, auf See und Inseln Urlaub zu machen – dann muss ich mir eben passende Arbeit suchen ...

Mit der Gaffelketsch »Albin Köbis« auf der Unterwarnow, Juli 2010

6. März 2013

Der Luxus der Demotorisierung

Von Kratzeburg nach Fürstenberg. Mit dem Kajak durch die Havelquellseen. Der beste Kanutrail im wilden Osten

Von Jörn Boewe, junge Welt, Reisebeilage 6. März 2013

Ich habe ein Boot, das in einen Rucksack paßt. Kein Witz. Der Semperit-Zander ist ein Schlauchkajak aus Hypalon, dem Material, aus dem Rettungsinseln für den Hochseeeinsatz gefertigt werden. Seine drei Luftkammern machen es praktisch unsinkbar. Es wurde bis Mitte der 80er Jahre in Österreich produziert. Mit seinen zwölf Kilogramm kann man das Boot zwar nicht auf längeren Fußmärschen, problemlos aber in öffentlichen Verkehrsmitteln mitführen.

Ich fuhr mit der Regionalbahn über Neustrelitz nach Kratzeburg, der nördlichsten Einsetzstelle am Oberlauf der Havel. Keine Menschenseele außer mir stieg an diesem von Gott und DB Station&Service verlassenen Haltepunkt aus. Ich hatte das Nordufer des Käbelicksees ganz für mich allein. Es war gegen zehn Uhr vormittags, als ich startklar war. Der Wind blies mit Stärke vier bis fünf aus Nordwest, und auf meiner Pharus-Gewässerkarte hieß es an dieser Stelle: »Vorsicht vor Westwinden!«

Im Kabbelwasser

Ich hielt Richtung Südwest, so daß ich die Wellen schräg von steuerbord nahm. Ich kam gut voran. Das beladene Boot lief besser, als ich erwartet hatte, aber es kippelte und schaukelte nicht schlecht, und ich nahm eine Menge Spritzwasser auf. Warum der Käbelicksee Käbelicksee hieß, wurde mir jetzt klar: käbbelig, kabbelig, kippelig. Fast eine Stunde kämpfte ich mit Wind und Wellen, dann erreichte ich glücklich die Landzunge am Südende des Sees. Dahinter wurde es ruhiger. Fische sprangen, Wildgänse zogen, Rehe grasten am Ufer. Dann hatte ich die Einfahrt ins Havelfließ erreicht.

Am Jamelsee zog ich mein Boot auf den Strand. In einem kleinen Krimskramladen checkte ich ein. »Wollen Sie Brötchen für morgen früh bestellen?« fragte die junge Frau hinterm Tresen. »Gut«, sagte ich und füllte mein Meldeformular aus. »Wie ist das, wenn ich mal spät komme, und Sie sind überfüllt – schicken Sie mich dann wieder weg?« »Alleinwanderer und Familien nehmen wir immer auf«, sagte sie. »Aber es gibt Gruppen, die passen einfach nicht hierher. Die kommen hier besoffen an. Die hören Sie schon kilometerweit. Die Sorte schicken wir stets weiter.«

Camping-Multi

Die Tourismushölle liegt an der mecklenburg-vorpommerschen Ostseeküste, schreibt Wiglaf Droste, doch in Wahrheit ist die Tourismushölle wie alle Höllen leider dezentral. Der Campingplatz Woblitzsee, oder korrekt, der »Camping- und Ferienpark Havelberge« wird von einem Investor mit dem Tarnnamen »Haveltourist GmbH & Co. KG« betrieben. Der seinerseits gehört zur Leading Campings Group, der »most powerful group des europäischen Spitzencamping«, einem Multi mit acht Millionen Übernachtungen und 150 Millionen Euro Jahresumsatz. »Europaweit rund 2300 freundliche, geschulte Mitarbeiter« müssen alberne Uniformen und ein angecoachtes Servicelächeln zur Schau tragen.

In dieser zweiten Nacht tat mir alles weh. Ich wußte kaum, wie ich liegen sollte, in meinem Ein-Mann-Kuppelzelt am Ufer der Campinghölle mit Megabiergarten und Diskobeschallung. Doch am Morgen schien wieder die Sonne, die Wellen glitzerten wie auf Coopers Glimmerglassee im Band eins der Lederstrumpferzählungen. Ich packte meine Sachen, sprang nochmal in den See und legte ab.

Es wurde eine lange Etappe, bis am Ende des langgestreckten Großen Priepertsees der schmale, abgewinkelte Ellbogensee auftauchte, von dessen Ufer mich ein kleiner Zeltplatz anlachte. Nicht so hübsch verträumt wie der am Hexenwäldchen mit der Kanustation Blankenförde, aber viel humaner als die Tourismusfabrik am Woblitzsee. Kaum hatte ich mein Zelt aufgebaut, fing es an zu regnen. Am nächsten Morgen stand ich um sieben auf, breitete meine Sachen auf einem sonnigen Fleck auf der Böschung aus. Ich schwamm eine Runde und frühstückte. Gegen halb neun legte ich ab.

Dunstschwaden lagen wie Spinnweb über der spiegelglatten Oberfläche. Lautlos glitt ich am Kahn eines Anglers vorbei, und gerade als ich ihn passierte, hatte er einen Biß. Ich ließ mein Kajak beidrehen und langsam abdriften. Bevor ich sehen konnte, wer gewonnen hatte, verschwand ich im Dunst.

Durchgeschleust

Auf der letzten Etappe kam ich gut voran. Gegen halb elf erreichte ich die Schleuse Steinhavelmühle. Eine Stunde später kam der Röblinsee bei Fürstenberg in Sicht, der größte der drei Seen, die die Stadt von Osten, Westen und Süden umschließen. Käbelicksee, Granziner See, Schulzensee, Pagelsee, Zotzensee, Jäthensee, Jamelsee, Görtowsee, Zierzsee, Useriner See, Großer Labussee, Woblitzsee, Drewensee, Finowsee, Wangnitzsee, Großer Priepertsee, Ellbogensee, Ziernsee, Menowsee, Röblinsee – zwanzig Seen in vier Tagen. Der Zivilisation zu entkommen, war mir nur für wenige Stunden gelungen, im nördlichen Teil und der Kernzone des Nationalparks und am Sonntag morgen zwischen Ellbogensee und Steinhavel, bevor die verkaterten Motorbootsführer ihre Maschinen anwarfen. Jetzt war ich kurz vorm Ziel.

Am Campingplatz am Nordufer ging ich an Land, ließ die Luft aus dem dreißig Jahre alten Kajak, das in vier Tagen kein bißchen davon verloren hatte, bezahlte fünfzig Cent Aussetzgebühr und trug mein Gepäck zur Station. Der vielgenutzte Bahnhof am Streckenkilometer 78,0 der Preußischen Nordbahn löst sich in seine Bestandteile auf. »Geschlossen wegen Vandalismusschäden«, hat die DB Station&Service AG an die Tür geschrieben. Ich ging also um die Bahnhofshalle herum, um auf den Bahnsteig zu gelangen, wo ein DB-Ingenieur am Fahrkartenautomaten herumschraubte. »Dit wird hier nischt mehr«, stellte er fachmännisch klar.

Der Regionalexpreß 5 aus Rostock fuhr ein. Der Zug war gut besetzt. Ich fand Platz auf einer Treppe. Im Zwischendeck reiste ein Dreivierteldutzend nordostdeutscher Supermarktverkäuferinnen, die sich mit warmem Wodka und »kleinem Feigling« bei Laune hielten. In Oranienburg sprang ich aus dem Zug. Ein Schaffner war nicht gekommen. Zehn Euro gespart. Falls das die neue Freundlichkeitsoffensive der Deutschen Bahn AG ist, nehme ich alles zurück, was ich je über die Großtuerei dieses Ladens geschrieben habe.

www.hexenwaeldchen.de
www.kanubasis-blankenfoerde.de

26. Oktober 2012

»Dann kriegen wir ihn in Veracruz«

Mit »Billigflaggen« unterlaufen Reeder Tarifverträge der Handelsschiffahrt. Dagegen setzt die Internationale Transportarbeiterföderation auf die Solidarität von Seeleuten und Hafenarbeitern

Von Jörn Boewe, junge Welt, 27./28. Okt. 2012

»Weg, ausgelaufen«, sagt Hamani. »Gerade kommt die Meldung, daß er heute früh ausgelaufen ist.« Die Volunteers hören auf zu kauen und schauen den Inspektor an. Gestern wollten sie diesen Frachter kontrollieren. Schon standen sie auf der Gangway, da ging – beim Löschen der Ladung – ein Schwerlastgang am Schiffskran kaputt. Sie hätten darauf bestehen können, an Bord zu gehen. Aber sie wissen, wie heikel es ist, wenn drei Tonnen Last außenbords am Haken hängen. Die Volunteers sind Hafenarbeiter. Wir kommen wieder, wenn der Kran repariert ist, sagten sie.


Wismar, die Nummer fünf unter den deutschen Osteehäfen. Dreieinhalb Millionen Tonnen gehen hier jährlich über die Kaikante

Die Volunteers sind Typen, die eher in die Breite gehen, aber jetzt machen sie lange Gesichter. Sie sitzen um den Tisch, Brötchen auf dem Teller, im Gewerkschaftshaus in der August-Bebel-Straße in Rostock. ITF-Inspektor Hamani Amadou sitzt an seinem Computer und schaut ins Internet. »Das macht nichts«, sagt er. »Dann kriegen wir ihn in Veracruz.«

5. September 2012

Warten am Strelasund

Beschäftigte der Volkswerft Stralsund hoffen auf Insolvenz in Eigenverwaltung. Heute tagt der Gläubigerausschuß

Von Jörn Boewe, Stralsund, junge Welt, 6. Sept. 2012

Die Stimmung ist gedrückt auf der Volkswerft Stralsund. Der Schiffbaubetrieb gehört zur »P+S«-Gruppe, die in der vergangenen Woche Insolvenz angemeldet hat. Im Konferenzraum des Betriebsrates hängt ein zehn Jahre altes IG-Metall-Plakat. »Kein Aus für Flender« steht darauf. 2002 wurde die Lübecker Flender-Werft geschlossen. »Da sind wir damals hin und haben mitgeheult«, sagt Betriebsrat Hans-Jürgen Fischer. »Und jetzt sind wir selber kurz davor.«



4. September 2012

ITF überprüft Ostseehäfen

Internationale Transportarbeiterföderation kontrolliert Einhaltung von Tarifverträgen auf Schiffen an der deutschen Küste

Von Jörn Boewe, Wismar, junge Welt, 5. Sept. 2012

Früh um neun im Gewerkschaftshaus in der Rostocker August-Bebel-Straße. Die dritte Etage gehört ver.di, sagt ein freundlicher, älterer Besucher, aber in Rostock sind alle Gewerkschaften klamm, deshalb hätten sie einen Teil vermietet, »an diese Seefahrergewerkschaft, glaube ich«. »Diese Seefahrergewerkschaft« besteht am Dienstag morgen aus dem Nigrer Hamani Amadou und sechs Hafenarbeitern, zweien aus Rostock, vieren aus Lübeck.


Amadou recherchiert im Internet, welche Schiffe heute in die Ostseehäfen der Region einlaufen: Rostock, Wismar, Lübeck, Kiel. Kein Schiff fährt heute mehr unentdeckt ohne Tarifvertrag über die Weltmeere. Dank GPS und Internet kann seine Position genau bestimmt werden. Amadou kann auf verschiedene Datanbanken zugreifen – die der Internationalen Transportarbeiterföderation (ITF) in London wie auch das ebenfalls an der Themse ansässige Internationale Schiffsregister von Lloyd. Eigentümer, tariflicher Status und weitere Einzelheiten können heute schneller zusammengestellt werden, als eine Möwe auf Deck scheißt.

23. Februar 2012

Von wegen Bürgerrechtler: Gaucks Freiheit

»Seit Anfang 1990 waren wir in ziemlich unerfreuliche Entwicklungen hineingerutscht. Sämtliche `89er Hoffnungen auf eine freiheitlich-sozialistische Entwicklung hatten sich erledigt. Ich erinnere mich, wie wir um den Jahreswechsel 1989/90 die Rostocker Lange Straße entlangliefen – ein paar hundert Leute mit einer schwarzen VL-Fahne mit rotem Stern. Die Hafenarbeiter waren an uns – die »Initiative Vereinigte Linke« - mit der Bitte herangetreten, sie bei der Bildung eines Hafenrates zu unterstützen. Das war ein Hoffnungsschimmer: Die Revolution war noch lebendig. Das Management wollte nur einen »Beirat« ohne Entscheidungskompetenz akzeptieren. Die Belegschaft fühlte sich zu recht verarscht. Wir rieten ihr, nichts zu unterschreiben. Wir waren alle ein bißchen skeptisch. Aber wir würden tun, was in unserer Macht lag, die Öffentlichkeit mobilisieren, die Manöver der Funktionäre aufdecken, die Universität revolutionieren. Die Stasi aushebeln. Das Steuer herumreißen. Studenten und Arbeiter gemeinsam. Die freie Kommune Rostock. Mit den Packern vom Überseehafen. Das Tor zur Welt.

"Sie wissen, wie es gemacht wird. Aber was für Arschlöcher sind manche" (Mexico City 1994)

Unsere Schwierigkeiten, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, wurden von Tag zu Tag größer. Rostocks Pastor Joachim »Jochen« Gauck hatte mehr Erfolg als wir. Eine der ersten politischen Aktionen des Mannes, der zunächst als Schirmherr der Rostocker »Donnerstagsdemos« bekannt wurde und später einer Bundesbehörde seinen Namen lieh, hatte im Herbst 1989 darin bestanden, die »Böhlener Plattform für eine vereinigte Linke« vom schwarzen Brett seiner Kirche abzureißen. Für solche wie uns hatten die gerade erkämpften demokratischen Freiheiten nicht zu gelten. Wir ließen uns das nicht bieten, aber von Woche zu Woche wurde klarer, daß wir immer mehr in die Defensive gerieten. Vielleicht hatte Jochen Gauck mehr Charisma als wir. Auf jeden Fall hatten seine Freunde mehr Westgeld.«

Jörn Boewe, in: ... das war doch nicht unsere Alternative: DDR-Oppositionelle zehn Jahre nach der Wende, hrsg. von Bernd Gehrke und Wolfgang Rüddenklau, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 1999

20. Oktober 2011

Das Detlev-Buck-Bataillon und andere Maulhelden


Von Kratzeburg nach Fürstenberg: Mit dem Kajak durch die Havelquellseen, Juni 2011




 

 I

Ich habe ein Boot, das in einen Rucksack paßt. Kein Witz. Über verschlungene Wege kam es im Frühsommer vergangenen Jahres zu mir. Nachdem ich es im Juni 2010 auf den Tegeler Gewässern getestet hatte, beschloß ich, bei nächster Gelegenheit zu einer mehrtägigen Expedition aufzubrechen.
Ich mußte ein Jahr auf die Gelegenheit warten. Ich hatte es mir einfacher vorgestellt: Im Winter, als die Abende lang waren, träumte ich von einer Tagestour auf dem Tegeler Fließ. Sobald im März das Eis aufbrechen würde, aber noch ehe das Befahrungsverbot zum Frühjahrsbeginn in Kraft trat, würde ich mit meinem Boot früh in den ersten Bus nach Lübars steigen, und dann durch die nebelverhangenen Wiesen an Wildschweinen und Rehen vorbei zum Tegeler See paddeln.

Die Sache ließ sich nicht realisieren. Ich hatte übersehen, daß das Tegeler Fließ bereits seit 2009 ganzjährig auch für Paddelboote gesperrt war, und das Frühjahr hindurch erlaubte mir die Arbeit nicht, mich für eine mehrtägige Tour abzuseilen.

Anfang Juni, kurz vor Pfingsten war es dann aber soweit. Ich hatte alles eingepackt und hoffentlich nichts vergessen. Bis auf das zusammensteckbare Doppelpaddel hatte ich alles in und an meinem 17 Jahre alten Karrimor-Rucksack verstaut. Ich fuhr mit der Regionalbahn über Neustrelitz nach Kratzeburg, der nördlichsten Einsetzstelle am Oberlauf der Havel.

4. August 2002

Depression im Business

Habe meine Matrosenhose eingepackt & mich
an die Ostsee abgesetzt,
salvar vidas.
Möwen, Brackwasser, Muschelkalk.
Big Sky!