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6. Dezember 2025

Am Rand der sichtbaren Dinge

Vom S-Bahnhof Bellevue ist es kein weiter Weg zur Spree. Abends liegt der Fluss schwer zwischen den Ufermauern, wie ein technisches Becken.


Die S-Bahn rattert auf dem Stahlbogen über das Wasser, rot-gelbe Waggons ziehen im engen Rhythmus vorbei. Unten gehen zwei Gestalten über den schmalen Steg, geduckt unter der Konstruktion, als gehörten sie nicht zur gleichen Stadt wie die, die oben vorbeifährt. Die Lampen werfen ein gelbes Dreieck ins Schwarz, es schwimmt kurz, verliert die Kontur, verschwindet.

14. August 2025

Belgrad, 25 Jahre danach

Die Ruine des Generalstabsgebäudes in der Nemanjina-Straße steht noch. Beton zersplittert, Treppenschächte offen wie Wunden. Gerüchte, man wolle das Ensemble schleifen, flammen alle paar Jahre auf. Ein Investor hier, eine Renditefantasie da. Ende 2024 wurde es konkreter. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić will den Weg freimachen für den Abriss. Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner plant auf dem Areal einen Luxuskomplex: Apartments, Hotel, Büros.

Der Widerstand kam unerwartet. Mitarbeiter des Republikanischen Instituts für Denkmalschutz weigerten sich, den Generalstab aus dem Zentralregister für unbewegliche Kulturgüter zu streichen. Noch steht die Ruine. Als Mahnung, als Störfall im Geschäftsmodell.

Belgrade, 25 years later

The ruins of the General Staff building still stand on Nemanjina Street. Concrete is shattered, stairwells lie open like wounds. Every few years, rumors flare up about tearing the complex down. An investor here, a return-on-investment fantasy there. By the end of 2024, things got more concrete. Serbian President Aleksandar Vučić wants to clear the way for demolition. Donald Trump’s son-in-law Jared Kushner plans to build a luxury complex on the site: apartments, hotel, offices.

The resistance came unexpected. Staff at the Republican Institute for the Protection of Cultural Monuments refused to strike the building from the central register of immova le heritage. The ruins still stand. As a warning. A disruption in the business model.

19. November 2020

Maritime writing

Ever since I did research for my reportage "Rearguard action in Gdansk" at Stocznia Gdanska in 1996, I have written again and again about the connection between men and  sea. Reasons are simple. The ocean breeze, the wide horizon, seagull cries, fish, salt water. All that does me good in every respect. I don't have any romantic idea about working in the maritime logistic complex. Navegare necesse est - seafaring is a must, but it is most beautiful if you can do it for pleasure. Unfortunately, it is one of the pleasures I cannot afford as often as I would like to. Far too seldom I manage to spend my vacations on the coast, at sea and on islands. So what can I do? I just have to find some suitable work ...



10. Januar 2019

Die Dinge in Ordnung bringen


Ich hab in den letzten 25 Jahren eine Menge verschiedener Sachen gemacht, die man als Journalist so macht, aber meine Lieblingsdisziplin ist immer noch, durchs Land zu fahren und Geschichten über unspektakuläre Leute zu schreiben – Arbeiter, Flüchtlinge, Hinterwäldler aller Couleur. Anders als Politiker, Künstler, Wissenschaftler oder Menschen, die irgendwas verkaufen wollen, drängeln sie sich nicht nach vorn. Im Gegenteil, sie haben ein gewisses Grundmisstrauen gegenüber »der Presse«, das nach meiner Wahrnehmung in den letzten Jahren eher größer geworden ist.

Verwunderlich ist das nicht. Seit wir das Internet und vor allem die »sozialen Medien« haben, achten Leute viel penibler auf ihre Privatsphäre. So leichtfertig wie noch vor 15 Jahren lässt sich heute niemand mehr fotografieren. Wer nicht ohnehin schon eine Person des öffentlichen Interesses ist, möchte seinen Namen lieber nicht in der Zeitung (also im Netz) wissen.

Der andere Punkt ist, dass sie Journalisten – wenn überhaupt – entweder nur als wuselnde Akkordarbeiter einer Medienindustrie wahrnehmen, die Ihnen unverständlich, aber suspekt vorkommt (womit sie intuitiv vollkommen richtig liegen) oder aber als Teil der - ihnen nicht minder suspekten - Eliten. Mit letzterem Typus kommen sie in ihrer Welt zwar nur sehr selten, wenn überhaupt, in Berührung, aber falls doch, ist es für sie selbstverständlich, dass zwischen ihnen und diesen »Alpha-Journalisten« eine unüberbrückbare Kluft liegt, die sich in den letzten Jahren rasant verbreitert hat.

Das Verrückte ist, dass die meisten dieser Leute, über die ich in den letzten 25 Jahren geschrieben habe, wenn sie meine Zeilen dann gelesen haben, mit einer für mich immer wieder überwältigenden und anrührenden Dankbarkeit reagiert haben (jedenfalls wenn ich mir keine groben Fehler in meinem Job erlaubt und keinen Unfug über sie geschrieben habe).





13. April 2017

Die Ratlosigkeit des Reporters

Es ist ein Weilchen her, dass ich gespannt auf eine Ausgabe des Spiegel gewartet habe, aber nach der Ankündigung einer Reportage von Alexander Osang über Frauke Petry in der letzten Woche war ich neugierig.


Osang ist mir schon in den 90ern als genauer Beobachter und erstklassiger Erzähler aufgefallen, und er hat eine gewisse Skepsis den eigenen Vorurteilen gegenüber. Ich würde sagen, er hat davon – Skepsis, nicht Vorurteile – mehr als die meisten Journalisten, jedenfalls in dieser Republik. Wahrscheinlich ist es nicht ganz einfach, sich das zu erhalten, wenn's einen dauerhaft in die upper middle class verschlagen hat. Lauter aufgeklärte, fortschrittlich denkende Leute, die »bewusst leben«, überdimensionierte, aber schadstoffarme Autos fahren und das eigene Weltbild nicht für Ideologie, sondern die größte Selbstverständlichkeit des Universums halten.

2. April 2017

one day

»One day I will find the right words, and they will be simple.«

Jack Kerouac, The Dharma Bums

10. Januar 2015

Wer bedroht die Demokratie?

Die großen deutschen Zeitungsverleger haben einen Aufruf veröffentlicht: Sie wollen sich nicht länger als »Lügenpresse« beschimpfen lassen. Offenbar halten sie es für eine gute Idee, im Windschatten der allgemeinen Verurteilung des Pariser Attentats auf das Satiremagazin Charlie Hebdo ein bisschen Trittbrett zu fahren.

6. Januar 2014

Wende über Backbord


Nach fast zwei Jahrzehnten schließe ich den Blog www.jboe-reporting.de. Ich bin seit zwanzig Jahren im Geschäft und gehe langsam auf die 50 zu. Irgendwie ist mir nach etwas Subtilerem zumute als "Beruf Reporter". Ich meine, mittlerweile ist das so sehr mein Beruf, dass es mir komisch vorkommt, es besonders zu betonen.

Hier also die News:

1. Es gibt einen neuen Blog, in den ich ein paar von den alten Geschichten mit rüber genommen habe.

2. Es gibt den Blog der Firma.

3. Der alte Blog www.jboe-reporting.de,  der sich seit 1994 über die Jahre zu einer brauchbaren Artikelsammlung entwickelt hat, insbesondere bei Themen, wo ich ziemlich weit vorn mitgespielt habe - Stichworte: Berliner Wasserbetriebe, Gewerkschaften, BND-Untersuchungsausschuss - bleibt als Archiv für Recherchen erhalten. Einzige Einschränkung: Man muss sich künftig anmelden, dann gibt's die Freischaltung. Wer das gern tun würde, aber mit der Technik nicht klarkommt, darf mir gern eine Mail schicken.




»No history is written honestly. You have to keep in touch with it at the time and you can depend on just as much as you have actually seen and followed. (…) Because it isn't all in Marx nor in Engels, a lot of things have happened since then.«

Ernest Hemingway, Old Newsman writes. A letter from Cuba (Esquire, Dec. 1934)