Es war ein unglaubliches Gedränge vor der Rostocker Marienkirche, heute vor 25 Jahren. Willy Brandt sollte eine Rede halten. Die Stimmung war fiebrig, die festgezurrten politischen Verhältnisse waren ins Wanken geraten, der Turm begann einzustürzen, aber es war noch nicht klar, in welche Richtung er kippen würde. Vor einem Monat hatte es eine Massendemonstration der Opposition auf dem Alexanderplatz gegeben, seit vier Wochen war die Mauer offen. Vor drei Tagen hatten Hunderttausende eine Menschenkette von Kap Arkona zum Fichtelberg gebildet - eine Aktion, die unter der Losung "Ein Licht für unser Land" stand, und nach 25 Jahren bundesdeutscher Geschichtsklitterung praktisch aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht ist, weil das Land, von dem da die Rede war, ausschließlich als "Unrechtsstaat" erinnert werden darf und sonst nichts.
6. Dezember 2014
21. November 2014
Die beste der Welten
Ich lebe nun schon mehr als die Hälfte meines Lebens im Westen, aber die Borniertheit dieser "besten der Welten" verblüfft mich immer noch und immer aufs Neue. Der Westen ist einfach unfähig, irgendetwas zu verstehen. Im aktuellen Spiegel eine - über weite Strecken gelungene - Titelgeschichte über junge Muslime aus Deutschland, die sich dem IS anschließen. Die Reporter versuchen, Antworten auf die Frage nach dem Warum aufzuspüren, und sie machen ihren Job vorbildlich, recherchieren, gehen in Gerichtssäle, sprechen mit Eltern, Freunden, Experten, besuchen Moscheen, Teestuben, Vereine - was man als Reporter so macht.
Labels:
Geschichte,
Schreiben
8. November 2014
In einem anderen Land
Die aktuelle Staats- und Parteiführung feiert die "friedliche Revolution, die ihren Höhepunkt am 9. November 1989 gefunden hat" (aus einer Programmankündigung der ARD). Nach einem Vierteljahrhundert ist vom subversiven Geist der 89er DDR-Bürgerbewegung nichts mehr übriggeblieben.
![]() |
| Rostock, Oktober 1989. Ein späterer Präsident war damals Pfarrer in Rostock. Dass er auch Bürgerrechtler war, erfuhren wir erst viel später, in einem anderen Land |
Labels:
Geschichte
27. Oktober 2014
Kein goldener Herbst
Eines der schönsten Naturphänomene des Herbstes - die Rotfärbung vieler Blätter - fiel in diesem Jahr praktisch aus. Es soll Leute geben, die so etwas gar nicht bemerken. Aber selbst denen ist vermutlich aufgefallen, dass der Oktober außergewöhnlich warm war. Das ist auch der Grund für den abgesagten "goldenen Herbst": Blätter färben sich nur rot, wenn es tagsüber sonnig, nachts aber kalt ist. Die roten Farbstoffe, sogenannte Anthocyane, entstehen nur, wenn Bäume tagsüber noch viel Zucker durch Photosynthese produzieren, es nachts aber schon zu kalt ist, um diesen vollständig aus den Blättern abzutransportieren. Manche Bäume, wie der nordamerikanische Zuckerahorn produzieren besonders viel davon - und sind für ihre ausgeprägte Herbstfärbung berühmt ("Indian Summer").
Aber lasst Euch nicht verdrießen. Ein Waldspaziergang lohnt sich immer, auch wenn die Blätter nur gelb statt rot sind ...
Aber lasst Euch nicht verdrießen. Ein Waldspaziergang lohnt sich immer, auch wenn die Blätter nur gelb statt rot sind ...
7. September 2014
1. August 2014
"Verwirrte und Verwirrer: Wer ist hier eigentlich bescheuerter?
Früher kritisierte man Verschwörungstheorien, weil sie wahnhaft Erklärungsmuster spinnen, die sich jeder Überprüfung entziehen und keine Aufklärung über die tatsächlichen Machtverhältnisse liefern können. Heute ist alles "Verschwörungstheorie", was überhaupt nach Machtverhältnissen fragt. Wir haben die 'Verwirrten', die montags auf die Straße gehen, weil sie meinen, sie würden seit Jahrzehnten von den Massenmedien belogen, von Geheimdiensten ausgespäht und von einer Regierung regiert, die von Industrie- und Finanzlobbyisten manipuliert wird. Und wir haben Journalisten, Intellektuelle und Politiker, die ihnen darauf antworten, das sei alles verschwörungstheoretischer Quatsch. Wer ist hier eigentlich bescheuerter?
Die neuen Montagsdemos sind im Kern vor allem Ausdruck einer Legitimationskrise des neoliberalen Systems, wie es sich nach 1989/90 selbstherrlich ('Ende der Geschichte') konstituiert hat. Das Unbehagen, das sich dort Bahn bricht, ist völlig legitim und ein Fortschritt. Dass dort Scheiße mit hochkommt, ist nicht schön, aber kaum vermeidbar. 'Reichsbürger', Querfrontler, Antisemiten und VT-Spinner, offene und verkappte Nazis, die versuchen, hier Punkte zu machen, müssen bekämpft werden - aber indem man zeigt, dass sie falsche Antworten geben, aber gewiss nicht, indem man alle die, die jetzt die Herrschaftsverhältnisse zaghaft in Frage stellen, als 'Neurechte' beschimpft und sie anweist, zu Hause zu bleiben, weil wir ja schon in der besten der Welten leben.
'Verwirrtsein' ist - nicht zuletzt nach zweieinhalb Jahrzehnten Privatfernsehen und einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich alle Mühe gibt, selbst auf dieses 'Niveau' zu kommen - ein gesellschaftlicher Normalzustand. Die 'Quelle der Verwirrung' sind die gesellschaftlichen Verhältnisse. Und hier passt nichts besser als Horkheimer: 'Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.'"
Die neuen Montagsdemos sind im Kern vor allem Ausdruck einer Legitimationskrise des neoliberalen Systems, wie es sich nach 1989/90 selbstherrlich ('Ende der Geschichte') konstituiert hat. Das Unbehagen, das sich dort Bahn bricht, ist völlig legitim und ein Fortschritt. Dass dort Scheiße mit hochkommt, ist nicht schön, aber kaum vermeidbar. 'Reichsbürger', Querfrontler, Antisemiten und VT-Spinner, offene und verkappte Nazis, die versuchen, hier Punkte zu machen, müssen bekämpft werden - aber indem man zeigt, dass sie falsche Antworten geben, aber gewiss nicht, indem man alle die, die jetzt die Herrschaftsverhältnisse zaghaft in Frage stellen, als 'Neurechte' beschimpft und sie anweist, zu Hause zu bleiben, weil wir ja schon in der besten der Welten leben.
'Verwirrtsein' ist - nicht zuletzt nach zweieinhalb Jahrzehnten Privatfernsehen und einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich alle Mühe gibt, selbst auf dieses 'Niveau' zu kommen - ein gesellschaftlicher Normalzustand. Die 'Quelle der Verwirrung' sind die gesellschaftlichen Verhältnisse. Und hier passt nichts besser als Horkheimer: 'Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.'"
Abonnieren
Posts (Atom)



