7. September 2014
1. August 2014
"Verwirrte und Verwirrer: Wer ist hier eigentlich bescheuerter?
Früher kritisierte man Verschwörungstheorien, weil sie wahnhaft Erklärungsmuster spinnen, die sich jeder Überprüfung entziehen und keine Aufklärung über die tatsächlichen Machtverhältnisse liefern können. Heute ist alles "Verschwörungstheorie", was überhaupt nach Machtverhältnissen fragt. Wir haben die 'Verwirrten', die montags auf die Straße gehen, weil sie meinen, sie würden seit Jahrzehnten von den Massenmedien belogen, von Geheimdiensten ausgespäht und von einer Regierung regiert, die von Industrie- und Finanzlobbyisten manipuliert wird. Und wir haben Journalisten, Intellektuelle und Politiker, die ihnen darauf antworten, das sei alles verschwörungstheoretischer Quatsch. Wer ist hier eigentlich bescheuerter?
Die neuen Montagsdemos sind im Kern vor allem Ausdruck einer Legitimationskrise des neoliberalen Systems, wie es sich nach 1989/90 selbstherrlich ('Ende der Geschichte') konstituiert hat. Das Unbehagen, das sich dort Bahn bricht, ist völlig legitim und ein Fortschritt. Dass dort Scheiße mit hochkommt, ist nicht schön, aber kaum vermeidbar. 'Reichsbürger', Querfrontler, Antisemiten und VT-Spinner, offene und verkappte Nazis, die versuchen, hier Punkte zu machen, müssen bekämpft werden - aber indem man zeigt, dass sie falsche Antworten geben, aber gewiss nicht, indem man alle die, die jetzt die Herrschaftsverhältnisse zaghaft in Frage stellen, als 'Neurechte' beschimpft und sie anweist, zu Hause zu bleiben, weil wir ja schon in der besten der Welten leben.
'Verwirrtsein' ist - nicht zuletzt nach zweieinhalb Jahrzehnten Privatfernsehen und einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich alle Mühe gibt, selbst auf dieses 'Niveau' zu kommen - ein gesellschaftlicher Normalzustand. Die 'Quelle der Verwirrung' sind die gesellschaftlichen Verhältnisse. Und hier passt nichts besser als Horkheimer: 'Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.'"
Die neuen Montagsdemos sind im Kern vor allem Ausdruck einer Legitimationskrise des neoliberalen Systems, wie es sich nach 1989/90 selbstherrlich ('Ende der Geschichte') konstituiert hat. Das Unbehagen, das sich dort Bahn bricht, ist völlig legitim und ein Fortschritt. Dass dort Scheiße mit hochkommt, ist nicht schön, aber kaum vermeidbar. 'Reichsbürger', Querfrontler, Antisemiten und VT-Spinner, offene und verkappte Nazis, die versuchen, hier Punkte zu machen, müssen bekämpft werden - aber indem man zeigt, dass sie falsche Antworten geben, aber gewiss nicht, indem man alle die, die jetzt die Herrschaftsverhältnisse zaghaft in Frage stellen, als 'Neurechte' beschimpft und sie anweist, zu Hause zu bleiben, weil wir ja schon in der besten der Welten leben.
'Verwirrtsein' ist - nicht zuletzt nach zweieinhalb Jahrzehnten Privatfernsehen und einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich alle Mühe gibt, selbst auf dieses 'Niveau' zu kommen - ein gesellschaftlicher Normalzustand. Die 'Quelle der Verwirrung' sind die gesellschaftlichen Verhältnisse. Und hier passt nichts besser als Horkheimer: 'Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.'"
8. Mai 2014
Wir sehen zuerst, was wir sehen wollen
Wir sehen zuerst, was wir sehen wollen. Dann hören wir, was wir
hören wollen. Dann folgt sehr lange nichts. Und dann, irgendwann,
kommt die Wahrheit. So ähnlich sagt es ein FBI-Beamter in Tom
Tykwers Polit- und Bankenthriller The
International von 2009. Überhaupt enthält der Film dank
Drehbuchautor Eric
Warren Singer einige grandiose Dialoge. Über unsere
Wahrnehmungsstörungen bei der Suche nach der Wahrheit stolpere ich
in diesen Tagen öfters. Bereiten große Teile der Massenmedien einen
Krieg vor? Ein Kollege und guter Freund, einer der hellsten Köpfe
und besten politischen Analytiker, die ich kenne, sagt nein. Ich
reibe mir die Augen. Offenbar sitzen wir jeder in einem anderen Film.
Weder Deutschland, noch die USA, weder Nato noch EU haben Interesse an einem militärischen Konflikt mit Russland, sagt mein Freund. Offenbar ist "Krieg" für ihn nicht unterhalb eines thermonuklearen Konflikt mit Interkontinentalraketen und nuklearem Overkill denkbar. So gesehen mag mein Freund recht haben. Hoffe ich wenigstens.
Leider ist ihm entgangen, dass das deutsche Verteidigungsministerium - unter, sagen wir mal: eigenwilliger Auslegung eines OSZE-Dokuments - bereits deutsche Militärberater in die Ukraine geschickt hat, was nur aufflog, weil sie sich von Rebellen haben erwischen lassen. Auch wenn man sie uns zunächst als "OSZE-Beobachter" und später - noch irrer - als "Diplomaten" unterjubeln wollte: Es ist klar, dass sie dort waren, um die Lage in der Ostukraine auszukundschaften, Stellungen der Rebellen zu rekognoszieren - nun, kurzum, die Regierung in Kiew im Bürgerkrieg zu unterstützen. "Wir" sind also bereits Kriegspartei. Man kann das natürlich auch anders sehen. Gar nicht zum Beispiel.
Weder Deutschland, noch die USA, weder Nato noch EU haben Interesse an einem militärischen Konflikt mit Russland, sagt mein Freund. Offenbar ist "Krieg" für ihn nicht unterhalb eines thermonuklearen Konflikt mit Interkontinentalraketen und nuklearem Overkill denkbar. So gesehen mag mein Freund recht haben. Hoffe ich wenigstens.
Leider ist ihm entgangen, dass das deutsche Verteidigungsministerium - unter, sagen wir mal: eigenwilliger Auslegung eines OSZE-Dokuments - bereits deutsche Militärberater in die Ukraine geschickt hat, was nur aufflog, weil sie sich von Rebellen haben erwischen lassen. Auch wenn man sie uns zunächst als "OSZE-Beobachter" und später - noch irrer - als "Diplomaten" unterjubeln wollte: Es ist klar, dass sie dort waren, um die Lage in der Ostukraine auszukundschaften, Stellungen der Rebellen zu rekognoszieren - nun, kurzum, die Regierung in Kiew im Bürgerkrieg zu unterstützen. "Wir" sind also bereits Kriegspartei. Man kann das natürlich auch anders sehen. Gar nicht zum Beispiel.
5. März 2014
Der Berg ruft
Skilanglauf als Zeitreise: Wintersport im Dreiländereck zwischen Polen, Böhmen und Sachsen
Von Jörn Boewe, junge Welt Reisebeilage, 5. März 2014
Wir fahren zum Wintersport in die Berge: Ein kleines, erschwingliches Gebirge soll es sein, gut mit der Bahn zu erreichen, aber halbwegs schneesicher. Unser Low-Budget-Gegenprogramm zu Sotschi.
Von Jörn Boewe, junge Welt Reisebeilage, 5. März 2014
Wir fahren zum Wintersport in die Berge: Ein kleines, erschwingliches Gebirge soll es sein, gut mit der Bahn zu erreichen, aber halbwegs schneesicher. Unser Low-Budget-Gegenprogramm zu Sotschi.
6. Januar 2014
Wende über Backbord
Nach fast zwei Jahrzehnten schließe ich den Blog www.jboe-reporting.de. Ich bin seit zwanzig Jahren im Geschäft und gehe langsam auf die 50 zu. Irgendwie ist mir nach etwas Subtilerem zumute als "Beruf Reporter". Ich meine, mittlerweile ist das so sehr mein Beruf, dass es mir komisch vorkommt, es besonders zu betonen.
Hier also die News:
1. Es gibt einen neuen Blog, in den ich ein paar von den alten Geschichten mit rüber genommen habe.
2. Es gibt den Blog der Firma.
3. Der alte Blog www.jboe-reporting.de, der sich seit 1994 über die Jahre zu einer brauchbaren Artikelsammlung entwickelt hat, insbesondere bei Themen, wo ich ziemlich weit vorn mitgespielt habe - Stichworte: Berliner Wasserbetriebe, Gewerkschaften, BND-Untersuchungsausschuss - bleibt als Archiv für Recherchen erhalten. Einzige Einschränkung: Man muss sich künftig anmelden, dann gibt's die Freischaltung. Wer das gern tun würde, aber mit der Technik nicht klarkommt, darf mir gern eine Mail schicken.
»No history is written honestly. You have to keep in touch with it at the time and you can depend on just as much as you have actually seen and followed. (…) Because it isn't all in Marx nor in Engels, a lot of things have happened since then.«
Ernest Hemingway, Old Newsman writes. A letter from Cuba (Esquire, Dec. 1934)
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Journalismus,
Schreiben
5. Januar 2014
Salzwasser
Seit ich 1996 auf der Stocznia Gdanska für meine Reportage »Nachhutgefechte in Danzig« recherchierte, habe ich immer wieder über die Verbindung von Mensch und Meer geschrieben. Der Grund ist simpel. Die Seeluft, der weite Horizont, Möwengeschrei, Fisch, Salzwasser. All das tut mir in jeder Hinsicht gut. Ich habe keine romantische Vorstellung von der Arbeit im maritim-logistischen Komplex. Seefahrt muss sein, aber sie ist am schönsten, wenn man sie zum Vergnügen betreiben kann. Leider gehört sie zu den Vergnügungen, die ich mir kaum leisten kann. Aber wenn ich es schon viel zu selten schaffe, an Küsten, auf See und Inseln Urlaub zu machen – dann muss ich mir eben passende Arbeit suchen ...
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| Mit der Gaffelketsch »Albin Köbis« auf der Unterwarnow, Juli 2010 |
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Mecklenburg-Vorpommern,
Salzwasser
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